• Empfehlung,  Journalismus/Medien

    Im Grunde gut

    Ich habe gerade angefangen, das (schon jetzt sehr tolle) Buch des Journalisten und Historikers Rutger Bregmann “Im Grunde gut” zu lesen. Er fragt sich, warum so viele Menschen davon ausgehen, dass die Menschen grundsätzlich “egoistisch, panisch und agressiv” sind.

    Seiner Meinung nach hat das viel mit den Geschichten zu tun, die wir tagtäglich über die Medien erzählt bekommen. Damit bezieht er sich vor allem auf “News”  – die Berichterstattung über jüngste und sensationelle Ereignisse. Konstruktiven Journalismus, der hilft, die Welt besser zu verstehen, schließt er explizit aus. Auch Reality-TV-Formate, die davon leben, dass die Leute sich möglichst oft an die Gurgel gehen, prangert er an. Forscher hätten herausgefunden, dass Mädchen, die häufig Reality-TV schauen, eher der Meinung wären, dass man gemein und verlogen sein muss, um etwas zu erreichen.

    “‘Wer die Geschichten über eine Kultur erzählt’, sagte der Medienwissenschaftler George Gerbner einmal, ‘beherrscht das menschliche Verhalten.’ Kurz gesagt, es ist Zeit für eine andere Geschichte.”

    Das sehe ich auch so. Und bin schon ganz gespannt, wie es im Buch weitergeht.

  • Einfach so,  Empfehlung

    Wie geht Erfolg?

    Ständig höre ich: Du musst dich verkaufen.
    Kann sein. Aber noch lieber lese ich ein gutes Buch, ernte Äpfel oder schreibe über Dinge, die mich berühren.
    Ständig lese ich: Spezialisiere dich, suche dir ein Nischenthema – dann wirst du erfolgreich.
    Die Welt ist viel zu spannend, um sich nur für eine Sache zu interessieren, denke ich dann und bin schon wieder neugierig auf das nächste große Ding.
    Ständig erfahre ich: Du musst mehr Suchmaschinenoptimierung betreiben und überall wichtige Buzzwords einbauen.
    Vielleicht. Aber dann bleibt von den Texten ja nicht mehr viel übrig. Suchmaschinenoptimierung versus Textoptimierung.


    Doch dann höre ich wie Mai Thi Nguyen-Kim sagt:

    Ich bin davon überzeugt, dass der beste unique selling point man selbst ist“.

    Also bleib ich einfach wie ich bin. Und schlage zwei Fliegen mit einer Klappe 🙂

  • Familie

    Gender-Gedanken zur Nacht

    Wie jeden Abend singe ich für die beiden Mädchen vor dem Einschlafen ein Gute-Nacht-Lied. Seit einigen Monaten muss es immer „Der Mond ist aufgegangen“, von Matthias Claudius, sein. Ich möchte gerade loslegen, da bittet mich die Große: „Kannst du bei der einen Strophe Schwestern statt Brüdern singen?“ Mein kleines Feministinnen-Herz schlägt höher. „Ja natürlich“, antworte ich und singe: „So legt euch denn ihr Schwestern, in Gottes Namen nieder, kalt ist der Abendhauch…“
    Das Einhorn-Kleid, der pinke Pullover, ihr Faible für Glitzer – alles nur halb so wild. Solange sie weiß, an welchen Stellen es wichtig ist, nachzuhaken. Bei gerechter Sprache zum Beispiel.

  • Arbeit,  neugierig auf

    „Wenn ich davon überzeugt bin, dann setzt sich das durch!“

    Ich bin immer fasziniert von Menschen, die das machen, auf das sie Lust haben und sich nicht davon irritieren lassen, dass ihr Job nicht den gesellschaftlichen Normen entspricht. Die vielseitige Künstlerin Susanne Schirdewahn ist so eine. Im Interview erzählt sie mir, wie sie von ihrer Kunst leben kann und es gleichzeitig schafft, ihre künstlerische Freiheit zu behalten.

     

    Liebe Susanne, du malst, kreierst Skulpturen, führst Interviews, schreibst Kolumnen und liest auf Lesebühnen. Wie erklärst du der netten älteren Dame von nebenan, was du arbeitest?
    Oh (lacht). Da muss ich gleich an meine Mama denken, die das nie so ganz verstanden hat, was ich eigentlich mache. Wahrscheinlich würde ich ganz simpel bleiben und sagen: Ich male. Ich male große bunte Bilder.

    Wusstest du als Kind schon, dass du mal in die kreative Richtung gehst?
    Ich wollte Malerin werden, aber auch Schauspielerin, Regisseurin, Lehrerin und Modedesignerin. Das Schöne ist: Die Berufswünsche, die ich zwischendrin hatte, habe ich immer wieder integriert. Im Nachhinein merke ich, dass all das immer wieder stattfindet. Vielleicht stand damals, als meine Mama mich auf die Welt gebracht hat, eine Fee und sagte: Hier, du bist jetzt einfach kreativ (streut imaginären Feenstaub aus). Ich schaue halt immer, in welche Richtung sich das entladen darf.

    Wie kamst du zum Malen?
    Mein Vater hat mich zum Glück schon früh gefördert. Wir lebten damals in München und ich bin mit ihm in die Kunsthalle gegangen. Schon früh habe ich Maler wie Max Beckmann gesehen. Kunst hat mich immer interessiert, ich habe gemerkt, meine Augen sind gierig. Nachdem ich mit fünf Jahren anfing, mit meiner Faschingsschminke zu malen, schenkte mein Vater mir Ölfarben. Mit sechs stand ich – so monetmäßig – im Blumengarten mit der Staffelei und habe einen Kupferkessel gemalt. Mein Vater hat dann gesehen: Ok, sie ist begabt. Aber als es nach dem Abitur um die Ausbildung ging, hat er gemeint, ich sollte doch etwas Vernünftiges machen.

    Was war sein Vorschlag?
    Bloß nicht Jura – er war selbst Jurist. Als ich dann Regie an der Ernst Busch Hochschule studiert habe, fand er das ganz gut. Damit hätte ich dann zum Beispiel zum Fernsehen gehen können. Das ist eine renommierte Schule, das hat ihn beruhigt.

    Hast du das Studium auch deswegen begonnen, um deine Eltern zu beruhigen?
    Das ist eine heikle Frage. In der Schule habe ich Aktbilder gemalt. Meine Kunstlehrerin erklärte mir, dass, wenn ich die Brustwarzen nicht heller male, sie zu pornographisch seien. Dann könnte sie mir keine Eins geben. Das hat mich damals ziemlich beschäftigt. Ich habe gemerkt: Um eine gewisse künstlerische Freiheit zu behalten, ist es besser, wenn ich unabhängig bleibe. Wenn ich einen Beruf habe, der mir das Geld besorgt, dann kann ich künstlerisch frei bleiben. Das war der wichtigere Gedanke. Nachträglich war das eine gute Entscheidung, weil ich so meine künstlerische Bildsprache entwickeln konnte, ohne Meisterschülerin von dem und dem zu sein.

    Wie sehr kannst du deine künstlerische Freiheit behalten, wenn du gleichzeitig auch finanziell von deiner Kunst abhängig bist?
    Ich male gerne große Bilder. Manchmal stehe ich einen Monat an einem Bild und denke dann: Mist, wieder ein unverkäufliches Werk gemalt. Gleichzeitig habe ich mittlerweile auch gemerkt: Wenn ich davon überzeugt bin, dann setzt sich das durch. Das dauert halt oft. Man braucht die Geduld und muss durchhalten.
    Ich kann zum Glück von meiner Kunst weitestgehend leben. Es ist eine Mischkalkulation, mit dem Deutschunterricht, den ich noch nebenher gebe. Wahrscheinlich verkaufe ich in diesem Monat drei große Bilder. Dann kann ich wieder weniger unterrichten. Das ist ein bisschen wie Autofahren: Bremsen, Gas geben, kuppeln…

    Was kostet bei dir ein Bild?
    Wenn man von der Kunst leben will, ist die Herausforderung die Preisfindung. Ich muss irgendwann aus dem Bauch heraus sagen: Das ist jetzt der Preis. Außerdem gibt es einen Faktor, mit dem man einen Wert errechnen kann (Höhe plus Breite mal Faktor). Ich weiß außerdem, wieviel Zeit ich damit verbracht habe und das ist auch ein guter Gradmesser. Für ein großes Bild brauche ich ein bis zwei, manchmal drei Monate. Wenn ich von der Kunst leben will, muss ich diese Preise auch verlangen.

    Fiel es dir anfangs schwer, einen angemessenen Preis zu verlangen?
    Ja, das habe ich früher auch bei vielen Kolleginnen gemerkt. Oft denkt man: Kann ich das jetzt so verlangen? Bin ich das wert? Als ich begriffen habe – Ja! – fing es an, gut zu werden. Ich mach das ja auch seit bald 20 Jahren.

    Würdest du deine Söhne dazu ermutigen, in die künstlerische Richtung zu gehen?
    Ich muss sie nicht ermutigen, das ist leider schon im vollen Gange. Wir sind echt ein Künstlerhaufen. Mein großer Sohn möchte was mit Musik machen, der kleine wahrscheinlich auch etwas Grafisches. Gerade erzähle ich ihnen, auch an meinem Beispiel, dass sie lernen müssen, aus allem irgendwas zu machen. Dass sie sich dann vielleicht auch einen Job suchen müssen, der ihnen die Miete bezahlt. Ich versuche, ihnen den Biss beizubringen. Das ist schwer genug, denn manche Erfahrungen müssen sie einfach machen. Ich bin gerade dabei, das auszuhalten.

  • Berlin,  Familie

    unwritten garden rules

    Es ist heiß und Schrebergarten-Zeit. Bei den aktuellen Temperaturen bin ich sehr dankbar, dass wir einen grünen Ort voller Beeren und Spielgeräte haben, auf den wir ausweichen können. Gleichzeitig beschleicht mich immer öfter das Gefühl, dass die Kleingarten-Kultur und ich noch nicht so richtig Freundinnen geworden sind.

    Auf dem Weg zu unserem Garten kommen wir an einem Spielplatz vorbei, der zur Anlage gehört. Fast jedes Mal ist die Diskussion groß: Die Kinder wollen zuerst auf den Spielplatz, ich in unseren Garten. Dieses Mal gewinnen die Kinder und sie rennen sofort zu den Schaukeln, auf denen sie fröhlich hin- und herschwingen. Ich schiele zu dem Schild, auf dem steht, dass er von 13-15 Uhr nicht zu benutzen ist. Schon oft habe ich mich gefragt, warum das so ist. Erklärt wird es nicht, aber ich schätze mal, es geht um die Mittagsruhe. Die Gartenfreund*innen (so wird sich hier untereinander genannt) wollen ein Schläfchen machen.

    Meine Kinder passen nicht gut zu den hiesigen Schlafgewohnheiten. Die Große macht keinen Mittagsschlaf mehr und die Kleine schläft eigentlich nie vor halb drei ein. Verstohlen schaue ich auf mein Handy und sehe, dass es schon zehn nach eins ist. Ich sage den Kids also, dass sie ganz leise schaukeln sollen und sie geben sich Mühe. Ein kleines schlechtes Gewissen habe ich dennoch. Doch bevor ich es verdrängen kann, kommt eine Dame um die Ecke geschossen. Verärgert bittet sie mich, aufzuhören. Ehrlich besorgt frage ich sie: „Haben wir Sie gestört? Waren wir zu laut?“ Sie beantwortet  die Frage nicht, sondern entgegnet: „Als mein Kind klein war, da musste es sich auch hier an die Regeln halten!“ … und geht dann wieder. Hatten wir sie nun in ihrer Mittagsruhe gestört? Oder durch das Nichteinhalten einer Regel aus ihrer Schrebergarten-Idylle geschreckt? Keine Ahnung. Ich stelle mir vor, wie sie damals mit ihrem Kind lange und anstrengende Diskussionen über den Spielplatzbesuch in der Mittagspause führen musste und sich nun denkt: „Keiner darf mittags einfach glücklich und leise auf einer Schaukel sitzen. Sonst hat sich der ganze Ärger nicht gelohnt.“

    Immer wieder merke ich, dass ich einfach noch keine alte Schrebergarten-Häsin bin. Ich habe kein echtes Interesse an starren Regeln, sie sind nicht meine große Leidenschaft. Und zudem gibt es neben den offiziellen Regeln anscheinend noch jede Menge ungeschriebener. Ganz schön kompliziert.

    Letztens zum Beispiel hatte unsere große Tochter Geburtstag und zwei weitere Kinder in unseren Kleingarten eingeladen. Das Wetter war ganz gut und mein Mann hatte eine Schatzsuche mit vielen lustigen Spielchen vorbereitet. Diese führte uns einmal durch die ganze Schrebergartenanlage. Erst wurde auf dem Spielplatz um die Wette gehüpft,  dann ging es weiter zur nächsten Weg-Kreuzung. Dort wartete ein hungriges Monster, das gefüttert werden musste. Die Mutter, die das Monster spielte, machte einen wirklich guten Job und war voller Engagement dabei. Unter einer schwarzen Jacke versteckt fauchte sie, was das Zeug hielt. Kichernd und aufgeregt fütterten die Kinder das Monster mit grünem Wackelpudding. Als wir danach wieder in unseren Garten zurückgingen, ernteten wir aus mehreren Nachbargärten frostige Blicke. Warum, kann ich wieder nur vermuten: Hatten wir zu viel Spaß? Störte der Geräuschpegel bei der meditativen Bewässerung der Rosen? Laut waren wir bestimmt und vielleicht fanden manche es auch befremdlich, dass mitten auf dem Gehweg eine fauchende Mutter mit Wackelpudding gefüttert wurde. Aber noch ist grüner Wackelpudding in der Kleingarten-Verordnung nicht explizit verboten. Und außerdem war es nach drei Uhr- da durfte ja keiner was sagen.