• Arbeit,  Journalismus/Medien

    Weiterbildungsberatungs-Satire

    Heute war ich auf der Suche nach Interviewpartner*innen zum Thema Weiterbildung. Ziemlich schnell hatte ich das Gefühl, ich bin in einer Real-Satire gelandet oder hätte aus Versehen im Kalender von Marc-Uwe-Kling mit den falsch zugeordneten Zitaten geblättert.

    Fragen wie: „Woran erkenne ich eine gute Qualität bei Weiterbildungen?“, „Wie kann ich seriöse von unseriösen Anbietern unterscheiden“ oder „Muss gute Weiterbildung teuer sein?“ wollte mir das Infotelefon zur Weiterbildungsberatung nach Rücksprache mit seiner Ansprechpartnerin beim BMBF nicht beantworten und lehnte ein Interview für einen meiner Auftraggeber ab. Argument: Neutralitätsgebot.  

    Die „kompetente Hilfe und Unterstützung“ in Sachen Weiterbildung, die auf der Webseite angeboten wird, beschränkt sich offensichtlich nur auf die Fragen: Wo finde ich Weiterbildungen? Welche passt fachlich zu mir? Ob die gefundene Weiterbildung dann überteuert ist oder grottenschlecht – egal. Ich verstehe durchaus, dass es nicht gewollt ist, einzelne Bildungs-Anbieter schlecht zu machen oder konkrete Empfehlungen abzugeben. Aber ich erwarte schon, dass mir eine Weitebildungsberatung grundsätzliche Qualitätskriterien an die Hand gibt. Damit ich nicht nur die passende Weiterbildung finde, sondern in dieser Weiterbildung auch etwas lerne. Oder was denkt ihr?

  • Arbeit,  Familie,  neugierig auf

    Drei Fragen an… Prof. Lena Hipp

    Werden Mütter bei Bewerbungen benachteiligt? Hättet ihr mich vor ein paar Wochen gefragt, wäre ich mir nicht sicher gewesen. Gibt es dazu nicht Personalräte und Gleichstellungsbeauftragte, die genau das verhindern?

    Doch nur weil Unternehmen diskriminierungsfreie Stellenausschreibungen veröffentlichen und sich als familienfreundliches Unternehmen präsentieren, heißt das lange noch nicht, dass sie diese Werte auch schon verinnerlicht haben. So hat eine aktuelle Studie des Wissenschaftszentrums Berlin herausgefunden, dass Mütter deutlich seltener zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden, als kinderlose Frauen. Sie mussten ein Drittel mehr Bewerbungen schreiben, um eingeladen zu werden. Dazu wurden über 800 fiktive Bewerbungen auf Stellenangebote im Marketing- und Veranstaltungsbereich versandt (in diesem Berufsfeld arbeiten ungefähr gleich viele Frauen und Männer). Die Bewerber und Bewerberinnen unterschieden sich nur darin, dass die einen ein Kleinkind hatten und die anderen kinderlos waren. Immer mehr Karriere-Coaches empfehlen Müttern daher, ihre Kinder im Lebenslauf am besten gar nicht zu erwähnen. Wie schade. Wäre es nicht schön, es wäre einfach egal, ob jemand Kinder hat?

    Nach Gründen für die Benachteiligung und möglichen Lösungsansätzen habe ich Prof. Lena Hipp, die diese Studie durchgeführt hat, gefragt:   

    Ihre Studie hat herausgefunden, dass Mütter seltener zu
    Vorstellungsgesprächen eingeladen werden, als Frauen ohne Kinder. Väter hingegen wurden ebenso häufig eingeladen, wie Väter ohne Kinder. Warum?

    Über die Gründe können wir anhand der Ergebnisse meiner Studie nur spekulieren. Eine Erklärung ist, dass Mütter im Vergleich zu kinderlosen Frauen in Bewerbungsverfahren Nachteile erfahren, weil Kinder in Deutschland nach wie vor hauptsächlich “Frauensache” sind. Sie sind diejenigen, die zu Hause bleiben, wenn das Kind krank ist und sind weniger flexibel bei ihren Arbeitszeiten, weil sie an Kita- und Hortschließzeiten gebunden sind. Außerdem besteht ja auch das Risiko, dass sie nochmal schwanger werden und dann womöglich über längere Zeit ausfallen.

    Lässt sich dieses Phänomen auch in anderen Ländern beobachten? Wie
    steht Deutschland im Vergleich da?

    Ähnliche Studien wurden auch in anderen Ländern durchgeführt. Aber nicht überall und nicht in allen Berufen wurden solche “motherhood penalties” nachgewiesen. Eine Studie aus dem Jahr 2007 hat für die USA ebenfalls Diskriminierung von Müttern beim Einstellungsprozess nachgewiesen. Eine Studie aus Schweden aus dem Jahr 2018 aber nicht.


    Was muss passieren, damit Frauen mit Kindern im Bewerbungsprozess
    weniger diskriminiert werden?

    Zum einen würde es natürlich helfen, wenn sich Eltern Kinderbetreuungsaufgaben partnerschaftlicher teilen würden. Zum anderen könnte aber natürlich speziell bei Bewerbungsverfahren darauf hingewirkt werden, dass private Informationen – Elternschaft, Ehestatus, Religion etc. – gar nicht erst auftauchen und zwar bei keinem Bewerber und keiner Bewerberin. In den meisten Fällen sind diese Informationen irrelevant für den Job und aus diesem Grund in andern Ländern längst verboten. Gleiches gilt übrigens auch für Fotos.

     

    Foto: David Ausserhofer

  • Arbeit,  neugierig auf

    Wie sind die Arbeitsbedingungen für DaZ-Lehrkräfte?

    Nach meinem Germanistik-Studium habe ich eine Zeit lang freiberuflich Deutsch als Zweitsprache (DaZ) unterrichtet. Überall wurden dringend Menschen gesucht, die Deutsch für Zugewanderte unterrichteten. Man könnte meinen, diese Nachfrage hätte sich auf den Stundenlohn niedergeschlagen – bezahlt wurde aber sehr dürftig.

    Es gab 18€ pro 45 Minuten Unterricht. Da ich frisch vom Studium kam, war das jedoch erst einmal ok für mich. Bei meiner DaZ-Weiterbildung traf ich eine Frau, die sogar für 13€/Unterrichtsstunde bei einem anderen Träger unterrichtete. Als ich sie fragte, wie sie das machte, zuckte sie nur resigniert mit den Schultern und meinte, sie würde eben wenig schlafen.

    Der Ausschnitt meines Honorarvertrags zeigt deutlich, wie die Arbeitsbedingungen für freiberufliche DaZ-Lehrkräfte damals waren: Weiterbildung auf eigene Kosten, kein Anrecht auf Urlaub oder Honorar im Krankheitsfall und Geld gibt es nur, wenn das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) auch zahlt.

    Gut, dass das heute zumindest bei BAMF-Kursen anders ist. Hier wurde vor ein paar Jahren der Mindest-Stundenlohn auf 35€/Stunde festgelegt – was wirklich ein großer Fortschritt ist! Andere Deutschkurse, zum Beispiel an der Volkshochschule, werden jedoch oft deutlich schlechter bezahlt. Und auch bei einem Stundensatz von 35€ bleibt für freiberuflich Tätige nicht viel übrig, denn davon müssen zunächst Rente, Krankenversicherung, Urlaub, potentielle Krankheitstage, Anschaffungen und Weiterbildungen abgerechnet werden. Ach ja – und die komplette Vor- und Nachbereitung der Unterrichtsstunden, denn die wird auch nicht mitbezahlt.

    Wie genau die Arbeitsbedingungen für DaF/DaZ-Lehrkräfte aussehen und warum es angestellte Lehrkräfte nicht unbedingt besser haben als freiberufliche, hat mir Dr. Claudia Liehr-Molwitz im Interview bei WILA-Arbeitsmarkt erzählt. Hier könnt ihr das Interview lesen. Dabei erfahrt ihr auch, was die Arbeitsbedingungen mit der strukturellen Diskriminierung von Frauen zu tun haben. 

    Trotzdem hat mir das Unterrichten damals viel Spaß gemacht. Ich hatte eine sehr nette Kollegin und die türkischen Mütter, die ich unterrichtete, waren sehr freundlich und offen. Die Deutsch-Vermittlung war leider nur mittel erfolgreich – nicht nur, weil manche der Frauen kaum Schulerfahrung hatten. Sondern auch, weil ich von meinem Naturell her wenig Geduld für Langsam-Lernende aufbringen kann. Ich wurde fast verrückt, als ich in der vierten Woche in Folge versuchte, den Akkusativ zu erklären und alle Damen mich so anguckten, als hätten sie in ihrem Leben noch nie etwas davon gehört :-). Es war der erste und auch der letzte DaZ-Kurs, den ich unterrichtet habe. Umso wichtiger, dass diejenigen, die diesen Job richtig gut machen und lieben, vernünftig bezahlt werden!

  • Arbeit,  Berlin,  Gefunden

    Bist du besonders?

    Das „schlimmste Kinderbuch“ aller Zeiten ist nach Lisa Eckhart der “Regenbogenfisch”.

    Meine Kinder haben das Buch nicht, kennen es aber aus der Kita. Die Geschichte ist wirklich süß, ein Glitzerfisch schenkt den Fischen ohne Glitzerschuppen seine, bis er selbst nur noch eine hat. Dafür ist er nun nicht mehr alleine, sondern glücklich, weil er viele neue Freunde hat. Eigentlich eine schöne Geschichte über das Teilen.
    Sie lässt sich aber auch anders lesen: „Und der Regenbogenfisch reißt sich seine bunten Schuppen aus … bis alle ein bunt-konformer Kotzstrahl sind… Besonders zu sein, ist heute nur dann gestattet, wenn alle gleich besonders sind.So skizziert Lisa die Geschichte auf ihre lustige und bös-sarkastische Art und Weise. Die Bezeichnung „bunt-konformer Kotzstrahl“ gefällt mir schon mal sehr gut. Ich werde sie in meinen Wortschatz aufnehmen und bei passender Gelegenheit fallen lassen (ok, vielleicht nicht auf dem Spielplatz).
    Davon abgesehen wirft Lisas Stück Fragen auf: Wie individuell ist unser Individualismus heutzutage wirklich? Wenn jeder besonders ist, sein darf und eigentlich auch sein muss – ist das dann nicht schon wieder Gleichmacherei und Gruppenzwang? Denn ich sehe weniger das Problem darin, dass die Besonderen in unserer Gesellschaft nicht besonders sein dürfen – das ist definitiv einfacher als vor ein paar Jahrzehnten. Ich habe eher das Gefühl, dass wir alle unbedingt besonders sein müssen. Zumindest in Berlin bekommt frau schnell den Eindruck, dass es nicht reicht, einfach irgendwas zu arbeiten, es muss schon echt kompliziert und irgendwie genial sein. Darf ich überhaupt noch einen stinknormalen Job haben, ohne mich im Gespräch dafür entschuldigen zu müssen? Darf ich keine Karriere-Ambitionen haben? Und was ist mit langweiligen Hobbies oder einem nullachtfünfzehn Leben? Ich bin ja selbst ein Kind des Zeitgeists und trinke z.B. ungern „stinknormalen Filterkaffee“, es muss schon der richtige Latte macchiato mit dem richtigen Milchschaum aus einem der wenigen richtigen Cafés sein. Auch kann ich nicht einfach in ein Möbelhaus gehen und eine Lampe aussuchen, sondern benötige stundenlange Online-Recherchen, um irgendwann zu einem passablen Kauf-Ergebnis zu kommen.

    Das bezieht sich vor allem auf die Dinge, die ich konsumiere. Für meinen Alltag und in meinem Job hätte ich gerne ein bisschen weniger Erwartungsdruck in Sachen Besonderheit. Ohne Fünf-Jahres-Karriere-Plan, ohne Verkaufsstrategie mit ausgearbeitetem unique selling point. Ohne ausgefallene Hobbies, weder für mich noch für meine Kinder. Ich will einfach schreiben und Spaß daran haben. Nach der Kita möchte ich mit meinen Kids nicht zum Ballett, nicht zum Fußball und auch nicht zur Musikschule. Sondern rumgammeln. Das besonders sein verschiebe ich auf später. Vielleicht habe ich irgendwann mehr Energie dafür.

    >> Für alle, die sich den tollen Beitrag von Lisa Eckhart anschauen möchten, hier der Link.

     

    Foto: Unsplash

  • Arbeit,  Empfehlung

    Arbeitscredos

    Der PR-Agent Jozo Jurič erzählt im Zeit-Online-Podcast, wie er zu seinem Job als PR-Agent für Schauspielerinnen und Schauspieler gekommen ist. Auf die Frage, wie wichtig ihm Geld ist, antwortet er, dass er nicht nur ausschließlich wegen des Geldes arbeitet: „Wenn man mich fragt, worum es in meiner Firma geht, dann geht es darum, selbstbestimmt und gemütlich zu arbeiten.“ (Jozo Jurič im Podcast “Frisch an die Arbeit” von Zeit Online im Interview mit Leonie Seifert)

    Selbstbestimmt und gemütlich. Das finde ich ein tolles und ungewöhnliches Arbeitscredo. Oft sagen Menschen über ihre Arbeit, dass das Geld stimmen soll und die Sicherheit. Aber auch das Team muss nett sein und die Arbeit auch irgendwie Spaß machen. Immer öfter wollen Menschen zudem, dass ihr Job sinnvoll ist und einen Mehrwert für die Gesellschaft hinterlässt. Das sind alles schlüssige und berechtigte Aussagen, meiner Meinung nach. Trotzdem sprang mich das „selbstbestimmt und gemütlich“ im Interview mit Jozo Jurič direkt an, machte es sich in meinem Ohr bequem und ging für eine Weile nicht mehr. Denn es erinnert an eine große Freiheit im Job, die aber nicht – wie so oft – in Selbstausbeutung endet. Stattdessen endet sie in einem großen Ohrensessel am Kaminfeuer oder was immer jeder und jede sich so unter Gemütlichkeit vorstellt.

     

    Foto: Unsplash