• Arbeit,  neugierig auf

    „Wenn ich davon überzeugt bin, dann setzt sich das durch!“

    Ich bin immer fasziniert von Menschen, die das machen, auf das sie Lust haben und sich nicht davon irritieren lassen, dass ihr Job nicht den gesellschaftlichen Normen entspricht. Die vielseitige Künstlerin Susanne Schirdewahn ist so eine. Im Interview erzählt sie mir, wie sie von ihrer Kunst leben kann und es gleichzeitig schafft, ihre künstlerische Freiheit zu behalten.

     

    Liebe Susanne, du malst, kreierst Skulpturen, führst Interviews, schreibst Kolumnen und liest auf Lesebühnen. Wie erklärst du der netten älteren Dame von nebenan, was du arbeitest?
    Oh (lacht). Da muss ich gleich an meine Mama denken, die das nie so ganz verstanden hat, was ich eigentlich mache. Wahrscheinlich würde ich ganz simpel bleiben und sagen: Ich male. Ich male große bunte Bilder.

    Wusstest du als Kind schon, dass du mal in die kreative Richtung gehst?
    Ich wollte Malerin werden, aber auch Schauspielerin, Regisseurin, Lehrerin und Modedesignerin. Das Schöne ist: Die Berufswünsche, die ich zwischendrin hatte, habe ich immer wieder integriert. Im Nachhinein merke ich, dass all das immer wieder stattfindet. Vielleicht stand damals, als meine Mama mich auf die Welt gebracht hat, eine Fee und sagte: Hier, du bist jetzt einfach kreativ (streut imaginären Feenstaub aus). Ich schaue halt immer, in welche Richtung sich das entladen darf.

    Wie kamst du zum Malen?
    Mein Vater hat mich zum Glück schon früh gefördert. Wir lebten damals in München und ich bin mit ihm in die Kunsthalle gegangen. Schon früh habe ich Maler wie Max Beckmann gesehen. Kunst hat mich immer interessiert, ich habe gemerkt, meine Augen sind gierig. Nachdem ich mit fünf Jahren anfing, mit meiner Faschingsschminke zu malen, schenkte mein Vater mir Ölfarben. Mit sechs stand ich – so monetmäßig – im Blumengarten mit der Staffelei und habe einen Kupferkessel gemalt. Mein Vater hat dann gesehen: Ok, sie ist begabt. Aber als es nach dem Abitur um die Ausbildung ging, hat er gemeint, ich sollte doch etwas Vernünftiges machen.

    Was war sein Vorschlag?
    Bloß nicht Jura – er war selbst Jurist. Als ich dann Regie an der Ernst Busch Hochschule studiert habe, fand er das ganz gut. Damit hätte ich dann zum Beispiel zum Fernsehen gehen können. Das ist eine renommierte Schule, das hat ihn beruhigt.

    Hast du das Studium auch deswegen begonnen, um deine Eltern zu beruhigen?
    Das ist eine heikle Frage. In der Schule habe ich Aktbilder gemalt. Meine Kunstlehrerin erklärte mir, dass, wenn ich die Brustwarzen nicht heller male, sie zu pornographisch seien. Dann könnte sie mir keine Eins geben. Das hat mich damals ziemlich beschäftigt. Ich habe gemerkt: Um eine gewisse künstlerische Freiheit zu behalten, ist es besser, wenn ich unabhängig bleibe. Wenn ich einen Beruf habe, der mir das Geld besorgt, dann kann ich künstlerisch frei bleiben. Das war der wichtigere Gedanke. Nachträglich war das eine gute Entscheidung, weil ich so meine künstlerische Bildsprache entwickeln konnte, ohne Meisterschülerin von dem und dem zu sein.

    Wie sehr kannst du deine künstlerische Freiheit behalten, wenn du gleichzeitig auch finanziell von deiner Kunst abhängig bist?
    Ich male gerne große Bilder. Manchmal stehe ich einen Monat an einem Bild und denke dann: Mist, wieder ein unverkäufliches Werk gemalt. Gleichzeitig habe ich mittlerweile auch gemerkt: Wenn ich davon überzeugt bin, dann setzt sich das durch. Das dauert halt oft. Man braucht die Geduld und muss durchhalten.
    Ich kann zum Glück von meiner Kunst weitestgehend leben. Es ist eine Mischkalkulation, mit dem Deutschunterricht, den ich noch nebenher gebe. Wahrscheinlich verkaufe ich in diesem Monat drei große Bilder. Dann kann ich wieder weniger unterrichten. Das ist ein bisschen wie Autofahren: Bremsen, Gas geben, kuppeln…

    Was kostet bei dir ein Bild?
    Wenn man von der Kunst leben will, ist die Herausforderung die Preisfindung. Ich muss irgendwann aus dem Bauch heraus sagen: Das ist jetzt der Preis. Außerdem gibt es einen Faktor, mit dem man einen Wert errechnen kann (Höhe plus Breite mal Faktor). Ich weiß außerdem, wieviel Zeit ich damit verbracht habe und das ist auch ein guter Gradmesser. Für ein großes Bild brauche ich ein bis zwei, manchmal drei Monate. Wenn ich von der Kunst leben will, muss ich diese Preise auch verlangen.

    Fiel es dir anfangs schwer, einen angemessenen Preis zu verlangen?
    Ja, das habe ich früher auch bei vielen Kolleginnen gemerkt. Oft denkt man: Kann ich das jetzt so verlangen? Bin ich das wert? Als ich begriffen habe – Ja! – fing es an, gut zu werden. Ich mach das ja auch seit bald 20 Jahren.

    Würdest du deine Söhne dazu ermutigen, in die künstlerische Richtung zu gehen?
    Ich muss sie nicht ermutigen, das ist leider schon im vollen Gange. Wir sind echt ein Künstlerhaufen. Mein großer Sohn möchte was mit Musik machen, der kleine wahrscheinlich auch etwas Grafisches. Gerade erzähle ich ihnen, auch an meinem Beispiel, dass sie lernen müssen, aus allem irgendwas zu machen. Dass sie sich dann vielleicht auch einen Job suchen müssen, der ihnen die Miete bezahlt. Ich versuche, ihnen den Biss beizubringen. Das ist schwer genug, denn manche Erfahrungen müssen sie einfach machen. Ich bin gerade dabei, das auszuhalten.

  • Arbeit,  Journalismus/Medien

    Weiterbildungsberatungs-Satire

    Heute war ich auf der Suche nach Interviewpartner*innen zum Thema Weiterbildung. Ziemlich schnell hatte ich das Gefühl, ich bin in einer Real-Satire gelandet oder hätte aus Versehen im Kalender von Marc-Uwe-Kling mit den falsch zugeordneten Zitaten geblättert.

    Fragen wie: „Woran erkenne ich eine gute Qualität bei Weiterbildungen?“, „Wie kann ich seriöse von unseriösen Anbietern unterscheiden“ oder „Muss gute Weiterbildung teuer sein?“ wollte mir das Infotelefon zur Weiterbildungsberatung nach Rücksprache mit seiner Ansprechpartnerin beim BMBF nicht beantworten und lehnte ein Interview für einen meiner Auftraggeber ab. Argument: Neutralitätsgebot.  

    Die „kompetente Hilfe und Unterstützung“ in Sachen Weiterbildung, die auf der Webseite angeboten wird, beschränkt sich offensichtlich nur auf die Fragen: Wo finde ich Weiterbildungen? Welche passt fachlich zu mir? Ob die gefundene Weiterbildung dann überteuert ist oder grottenschlecht – egal. Ich verstehe durchaus, dass es nicht gewollt ist, einzelne Bildungs-Anbieter schlecht zu machen oder konkrete Empfehlungen abzugeben. Aber ich erwarte schon, dass mir eine Weitebildungsberatung grundsätzliche Qualitätskriterien an die Hand gibt. Damit ich nicht nur die passende Weiterbildung finde, sondern in dieser Weiterbildung auch etwas lerne. Oder was denkt ihr?

  • Arbeit,  Familie,  neugierig auf

    Drei Fragen an… Prof. Lena Hipp

    Werden Mütter bei Bewerbungen benachteiligt? Hättet ihr mich vor ein paar Wochen gefragt, wäre ich mir nicht sicher gewesen. Gibt es dazu nicht Personalräte und Gleichstellungsbeauftragte, die genau das verhindern?

    Doch nur weil Unternehmen diskriminierungsfreie Stellenausschreibungen veröffentlichen und sich als familienfreundliches Unternehmen präsentieren, heißt das lange noch nicht, dass sie diese Werte auch schon verinnerlicht haben. So hat eine aktuelle Studie des Wissenschaftszentrums Berlin herausgefunden, dass Mütter deutlich seltener zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden, als kinderlose Frauen. Sie mussten ein Drittel mehr Bewerbungen schreiben, um eingeladen zu werden. Dazu wurden über 800 fiktive Bewerbungen auf Stellenangebote im Marketing- und Veranstaltungsbereich versandt (in diesem Berufsfeld arbeiten ungefähr gleich viele Frauen und Männer). Die Bewerber und Bewerberinnen unterschieden sich nur darin, dass die einen ein Kleinkind hatten und die anderen kinderlos waren. Immer mehr Karriere-Coaches empfehlen Müttern daher, ihre Kinder im Lebenslauf am besten gar nicht zu erwähnen. Wie schade. Wäre es nicht schön, es wäre einfach egal, ob jemand Kinder hat?

    Nach Gründen für die Benachteiligung und möglichen Lösungsansätzen habe ich Prof. Lena Hipp, die diese Studie durchgeführt hat, gefragt:   

    Ihre Studie hat herausgefunden, dass Mütter seltener zu
    Vorstellungsgesprächen eingeladen werden, als Frauen ohne Kinder. Väter hingegen wurden ebenso häufig eingeladen, wie Väter ohne Kinder. Warum?

    Über die Gründe können wir anhand der Ergebnisse meiner Studie nur spekulieren. Eine Erklärung ist, dass Mütter im Vergleich zu kinderlosen Frauen in Bewerbungsverfahren Nachteile erfahren, weil Kinder in Deutschland nach wie vor hauptsächlich “Frauensache” sind. Sie sind diejenigen, die zu Hause bleiben, wenn das Kind krank ist und sind weniger flexibel bei ihren Arbeitszeiten, weil sie an Kita- und Hortschließzeiten gebunden sind. Außerdem besteht ja auch das Risiko, dass sie nochmal schwanger werden und dann womöglich über längere Zeit ausfallen.

    Lässt sich dieses Phänomen auch in anderen Ländern beobachten? Wie
    steht Deutschland im Vergleich da?

    Ähnliche Studien wurden auch in anderen Ländern durchgeführt. Aber nicht überall und nicht in allen Berufen wurden solche “motherhood penalties” nachgewiesen. Eine Studie aus dem Jahr 2007 hat für die USA ebenfalls Diskriminierung von Müttern beim Einstellungsprozess nachgewiesen. Eine Studie aus Schweden aus dem Jahr 2018 aber nicht.


    Was muss passieren, damit Frauen mit Kindern im Bewerbungsprozess
    weniger diskriminiert werden?

    Zum einen würde es natürlich helfen, wenn sich Eltern Kinderbetreuungsaufgaben partnerschaftlicher teilen würden. Zum anderen könnte aber natürlich speziell bei Bewerbungsverfahren darauf hingewirkt werden, dass private Informationen – Elternschaft, Ehestatus, Religion etc. – gar nicht erst auftauchen und zwar bei keinem Bewerber und keiner Bewerberin. In den meisten Fällen sind diese Informationen irrelevant für den Job und aus diesem Grund in andern Ländern längst verboten. Gleiches gilt übrigens auch für Fotos.

     

    Foto: David Ausserhofer

  • Arbeit,  neugierig auf

    Wie sind die Arbeitsbedingungen für DaZ-Lehrkräfte?

    Nach meinem Germanistik-Studium habe ich eine Zeit lang freiberuflich Deutsch als Zweitsprache (DaZ) unterrichtet. Überall wurden dringend Menschen gesucht, die Deutsch für Zugewanderte unterrichteten. Man könnte meinen, diese Nachfrage hätte sich auf den Stundenlohn niedergeschlagen – bezahlt wurde aber sehr dürftig.

    Es gab 18€ pro 45 Minuten Unterricht. Da ich frisch vom Studium kam, war das jedoch erst einmal ok für mich. Bei meiner DaZ-Weiterbildung traf ich eine Frau, die sogar für 13€/Unterrichtsstunde bei einem anderen Träger unterrichtete. Als ich sie fragte, wie sie das machte, zuckte sie nur resigniert mit den Schultern und meinte, sie würde eben wenig schlafen.

    Der Ausschnitt meines Honorarvertrags zeigt deutlich, wie die Arbeitsbedingungen für freiberufliche DaZ-Lehrkräfte damals waren: Weiterbildung auf eigene Kosten, kein Anrecht auf Urlaub oder Honorar im Krankheitsfall und Geld gibt es nur, wenn das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) auch zahlt.

    Gut, dass das heute zumindest bei BAMF-Kursen anders ist. Hier wurde vor ein paar Jahren der Mindest-Stundenlohn auf 35€/Stunde festgelegt – was wirklich ein großer Fortschritt ist! Andere Deutschkurse, zum Beispiel an der Volkshochschule, werden jedoch oft deutlich schlechter bezahlt. Und auch bei einem Stundensatz von 35€ bleibt für freiberuflich Tätige nicht viel übrig, denn davon müssen zunächst Rente, Krankenversicherung, Urlaub, potentielle Krankheitstage, Anschaffungen und Weiterbildungen abgerechnet werden. Ach ja – und die komplette Vor- und Nachbereitung der Unterrichtsstunden, denn die wird auch nicht mitbezahlt.

    Wie genau die Arbeitsbedingungen für DaF/DaZ-Lehrkräfte aussehen und warum es angestellte Lehrkräfte nicht unbedingt besser haben als freiberufliche, hat mir Dr. Claudia Liehr-Molwitz im Interview bei WILA-Arbeitsmarkt erzählt. Hier könnt ihr das Interview lesen. Dabei erfahrt ihr auch, was die Arbeitsbedingungen mit der strukturellen Diskriminierung von Frauen zu tun haben. 

    Trotzdem hat mir das Unterrichten damals viel Spaß gemacht. Ich hatte eine sehr nette Kollegin und die türkischen Mütter, die ich unterrichtete, waren sehr freundlich und offen. Die Deutsch-Vermittlung war leider nur mittel erfolgreich – nicht nur, weil manche der Frauen kaum Schulerfahrung hatten. Sondern auch, weil ich von meinem Naturell her wenig Geduld für Langsam-Lernende aufbringen kann. Ich wurde fast verrückt, als ich in der vierten Woche in Folge versuchte, den Akkusativ zu erklären und alle Damen mich so anguckten, als hätten sie in ihrem Leben noch nie etwas davon gehört :-). Es war der erste und auch der letzte DaZ-Kurs, den ich unterrichtet habe. Umso wichtiger, dass diejenigen, die diesen Job richtig gut machen und lieben, vernünftig bezahlt werden!

  • Arbeit,  Berlin,  Gefunden

    Bist du besonders?

    Das „schlimmste Kinderbuch“ aller Zeiten ist nach Lisa Eckhart der “Regenbogenfisch”.

    Meine Kinder haben das Buch nicht, kennen es aber aus der Kita. Die Geschichte ist wirklich süß, ein Glitzerfisch schenkt den Fischen ohne Glitzerschuppen seine, bis er selbst nur noch eine hat. Dafür ist er nun nicht mehr alleine, sondern glücklich, weil er viele neue Freunde hat. Eigentlich eine schöne Geschichte über das Teilen.
    Sie lässt sich aber auch anders lesen: „Und der Regenbogenfisch reißt sich seine bunten Schuppen aus … bis alle ein bunt-konformer Kotzstrahl sind… Besonders zu sein, ist heute nur dann gestattet, wenn alle gleich besonders sind.So skizziert Lisa die Geschichte auf ihre lustige und bös-sarkastische Art und Weise. Die Bezeichnung „bunt-konformer Kotzstrahl“ gefällt mir schon mal sehr gut. Ich werde sie in meinen Wortschatz aufnehmen und bei passender Gelegenheit fallen lassen (ok, vielleicht nicht auf dem Spielplatz).
    Davon abgesehen wirft Lisas Stück Fragen auf: Wie individuell ist unser Individualismus heutzutage wirklich? Wenn jeder besonders ist, sein darf und eigentlich auch sein muss – ist das dann nicht schon wieder Gleichmacherei und Gruppenzwang? Denn ich sehe weniger das Problem darin, dass die Besonderen in unserer Gesellschaft nicht besonders sein dürfen – das ist definitiv einfacher als vor ein paar Jahrzehnten. Ich habe eher das Gefühl, dass wir alle unbedingt besonders sein müssen. Zumindest in Berlin bekommt frau schnell den Eindruck, dass es nicht reicht, einfach irgendwas zu arbeiten, es muss schon echt kompliziert und irgendwie genial sein. Darf ich überhaupt noch einen stinknormalen Job haben, ohne mich im Gespräch dafür entschuldigen zu müssen? Darf ich keine Karriere-Ambitionen haben? Und was ist mit langweiligen Hobbies oder einem nullachtfünfzehn Leben? Ich bin ja selbst ein Kind des Zeitgeists und trinke z.B. ungern „stinknormalen Filterkaffee“, es muss schon der richtige Latte macchiato mit dem richtigen Milchschaum aus einem der wenigen richtigen Cafés sein. Auch kann ich nicht einfach in ein Möbelhaus gehen und eine Lampe aussuchen, sondern benötige stundenlange Online-Recherchen, um irgendwann zu einem passablen Kauf-Ergebnis zu kommen.

    Das bezieht sich vor allem auf die Dinge, die ich konsumiere. Für meinen Alltag und in meinem Job hätte ich gerne ein bisschen weniger Erwartungsdruck in Sachen Besonderheit. Ohne Fünf-Jahres-Karriere-Plan, ohne Verkaufsstrategie mit ausgearbeitetem unique selling point. Ohne ausgefallene Hobbies, weder für mich noch für meine Kinder. Ich will einfach schreiben und Spaß daran haben. Nach der Kita möchte ich mit meinen Kids nicht zum Ballett, nicht zum Fußball und auch nicht zur Musikschule. Sondern rumgammeln. Das besonders sein verschiebe ich auf später. Vielleicht habe ich irgendwann mehr Energie dafür.

    >> Für alle, die sich den tollen Beitrag von Lisa Eckhart anschauen möchten, hier der Link.

     

    Foto: Unsplash