• Einfach so,  Soziales

    Glauben Sie an Corona?

    Das fragte mich letztens ein Mann in der Bahn. Ich stutzte kurz. Was hat ein Virus mit Glauben zu tun? Gut – ein bisschen ist Corona wie Gott, man kann ihn nicht sehen, aber er ist überall. Dann hört es fast aber auch schon auf.

    Gott ist nicht überall in den News und auf den Titelseiten. Man kann ihn auch nicht mit Desinfektionsmittel wieder loswerden. Und noch nie hat er ganze Länder dazu veranlasst, ins Home-Office zu gehen und mit dem Gärtnern anzufangen.
    Der Mann schien sich nicht sicher zu sein, ob es diesen Corona-Virus wirklich gibt und fand die Frage nach dem Glauben daran ganz passend für einen Smalltalk im Regionalexpress. Ich muss dazu sagen, dass er mir eher einfach gestrickt vorkam. Aber genau deswegen hat er seine Frage laut ausgesprochen. Andere in dem Abteil haben das vielleicht auch gedacht, aber hätten es nicht laut gesagt. Die älteren Herren mir gegenüber zum Beispiel, die ihren Mundschutz, na ja sagen wir mal, sehr halbherzig irgendwo am Kinn trugen.

    Ich antwortete dem Fragesteller also und sagte: „Was heißt glauben? Letztes Wochenende ist ein Bekannter einer Freundin von mir daran gestorben.“ Der Mann ruderte sofort zurück und meinte: „Oh ok, alles klar… Wie alt war er?“ „39 Jahre“, antwortete ich. Das Gespräch verstummte.

  • Berlin,  Soziales

    Corona-Aerobic

    Vollgepackt mit Einkaufssachen, wollte ich mich eben nur schnell mit dem Fahrrad an den vielen tanzenden Menschen vorbeischlängeln. In Berlin ist das nicht unbedingt etwas Ungewöhnliches, manchmal treffe ich samstagsmorgens noch irgendwelche übrig gebliebenen Clubber*innen mit Bierchen in der Hand, die zu Elektromucke müde wippen. Tanzende Menschen donnerstagmorgens vor einem Seniorenheim, sind selbst in Berlin ein eher selten anzutreffender Anblick.

    Die Musik war laut aufgedreht, es dröhnte: „Das ist die Berliner Luft“ aus den Boxen. Ein Dutzend fröhlicher Pflegekräfte stand in helllila und weißer Montur in einer Reihe und tanzte. Mit aufmunternden Rufen und einfachen Bewegungsübungen zum Nachmachen, motivierten sie die Damen und Herren auf den Balkonen, mitzumachen. Zum Ende der Übungen brandete Applaus auf, die Stimmung war grandios!

    Schon seit einiger Zeit wird einmal die Woche auf den Balkonen getanzt, ein tolles Angebot für die BewohnerInnen dieses Seniorenzentrums. Lange Zeit waren Besuche verboten, mittlerweile ist (in Berlin) pro Tag Besuch von einer Person möglich. Trotzdem ist nichts wie es war. In vielen Seniorenheimen gibt es zurzeit keine Gruppenangebote, Mahlzeiten nimmt jeder alleine auf dem Zimmer zu sich. Die Gefahr, zu vereinsamen ist groß. Umso toller, dass es so viele kreative Ideen gibt, wie sich trotzdem zusammen Spaß haben lässt! Ich habe mich heute Morgen sehr gefreut und ein bisschen mitgeschunkelt.

    Hier findet ihr einen kleinen Ausschnitt zum Mittanzen:

     

  • Einfach so,  Familie,  Soziales

    Positive Folgen der Krise

    Die negativen Folgen der Corona-Krise sind in aller Munde. Auch ich bin gespannt und beunruhigt, wie sich unsere Gesellschaft dadurch verändern wird. Aber es gibt auch positive Veränderungen, die die Krise auslöst. Hier eine kleine persönliche Übersicht:

    1. Mehr Kontakt zu Freunden und Familie: In den letzten Wochen habe ich mit fast sämtlichen Freunde, auch den weit entfernten, einmal telefoniert oder geschrieben. Letztes Wochenende haben wir uns mit der gesammelten Großfamilie via Zoom vor dem Rechner versammelt und gequatscht. Obwohl das schon länger möglich ist, habe ich das vorher nie in Betracht gezogen. Warum machen wir das jetzt eigentlich nicht immer so? Warum zum Telefonhörer greifen, wenn ein Video-Telefonat genauso gut geht und noch viel persönlicher ist?
    2. Ich habe wieder Zeit für Pilates. Dadurch, dass es online stattfindet, muss ich mich abends nicht mehr aufraffen und rausgehen, sondern gehe einfach mit der Matte nach nebenan.
    3. Die Kinder verbringen mehr Zeit mit uns und genießen es sichtlich. Regelmäßig fragt die Kleine: „Ist Wochenende?“. Dann erkläre ich ihr, dass zwar kein Wochenende ist, aber die Kita trotzdem Pause hat. Sie nickt dann immer ganz verständnisvoll. Seitdem sie so viel Zeit mit uns verbringt, braucht sie übrigens kaum noch einen Schnuller.
    4. Ich spare Geld. Kaum noch Coffee-to-Go oder Brötchen für unterwegs, Mittagessen fast immer zu Hause. Keine langen Sessions mit dem Laptop im Café, keine Eintrittsgelder am Wochenende. Stornierte Flüge und Ferienwohnungen. Obwohl wir auch ein paar Anschaffungen hatten, macht sich das jetzt schon auf dem Konto bemerkbar. Ob sich das langfristig auszahlt (Stichwort Wegfall von Honoraren) ist natürlich eine ganz andere Frage. Jetzt erstmal ist das auf jeden Fall schön.
    5. Meine Große (fast 5) möchte Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Wiederholt hat sie uns darum gebeten, letztens habe ich ihr die ersten Arbeitsblätter für Vorschulkinder ausgedruckt. Sie war mit Eifer bei der Sache.
    6. Der Schrebergarten profitiert stark von der vielen Zeit, die wir jetzt unfreiwillig haben. Es exisiteren schon herausragende Konzepte zu einer berankten Pergola aus selbst bemalten Holzbalken mit Sonnensegel. Ich ziehe gerade Tomaten und Paprika auf der Fensterbank heran, die Kartoffeln keimen auch schon vor. Die Zeit des Kleingartens ist endlich gekommen!
    7. Ich spiele regelmäßig Gesellschaftsspiele mit den Kids. Früher haben wir die höchstens im Urlaub rausgeholt.
    8. Im Arbeitszimmer steht jetzt ein Cross-Trainer, den ich in den Pausen benutze.

     

     

  • Empfehlung,  Soziales

    Von der Intoleranz der Toleranten

    Vor einigen Tagen las ich einen sehr verwunderlichen Tweet. Die Schreiberin sagte, dass sie Intolerante nicht tolerieren könne, gerade weil sie Toleranz so toll fände. Das machte mich erst einmal sprachlos. Liegt es nicht gerade im Wesen von Toleranz, dass sie andere Meinungen aushält, auch wenn es nicht die eigene ist? Der Tweet war eine Reaktion auf ein Interview des ehemaligen Bundespräsidenten Gauck, der sich im Spiegel für eine „erweiterte Toleranz in Richtung rechts“ aussprach. Ich kann mir nur vorstellen, was die Tweet-Schreiberin gemeint haben könnte. Vielleicht wollte sie sagen:“ Ich finde Intoleranz nicht gut und werde sie nicht stillschweigend akzeptieren. Ich werde laut dagegen vorgehen, wenn zum Beispiel Menschen diskriminiert werden”. Vielleicht.

    Trotzdem ist es mir sehr wichtig, dass der tolle Begriff der Toleranz nicht verwässert wird. Toleranz heißt ertragen, erdulden. Es geht nicht darum, etwas gut zu finden oder einen für sich unerträglichen Zustand zu akzeptieren. Sondern es geht darum, etwas nicht gut zu finden, das meinetwegen auch laut zu äußern und TROTZDEM der Gegenseite zuzuhören. Und TROTZDEM notgedrungen am Ende des Tages zu ertragen, dass jemand anderer Meinung ist als ich. Ohne diese Person wüst zu beschimpfen.

    Nicht nur der Begriff der Toleranz wird oft nicht präzise eingesetzt. Der Begriff rechts wird bei vielen immer mehr mit rechtsextrem gleichgesetzt. Dazu hat Dr. Hugo Müller-Vogg vor ein paar Tagen einen aufschlussreichen Artikel im Cicero geschrieben, den ich nur empfehlen kann: https://www.cicero.de/innenpolitik/Joachim-Gauck-rechts-konservativ-Merkel-links

  • Empfehlung,  Soziales

    Geschäft mit der Not

    In der brand eins vom Februar (Wir sind die Guten) gibt es ein spannendes Interview mit der Schriftstellerin Emma Braslavsky. Sie werde sehr misstrauisch, wenn Menschen allzu moralisch sind, erzählt sie und erklärt ihre große Skepsis gegenüber NGOs.

    Es gäbe so viele aktive NGOs auf der ganzen Welt, die Probleme würden aber nicht weniger werden. Außerdem suggerierten sie uns, dass es ok ist, wie wir leben – so lange wir ab und zu mal ein paar Euros spenden.In dem Interview gibt es viel Stoff zum Nachdenken für Menschen, die im sozialen Bereich arbeiten. Sind wir noch dabei, Menschen zu helfen oder erhalten wir das Leid der Menschen, um unsere Arbeit am Laufen zu halten? Die Autorin sagt an einer Stelle: „NGOs sind wie alle Organisationen zuallererst an der Fortsetzung ihrer eigenen Existenz interessiert, die ohne die Missstände gefährdet wäre. Neben der Tatsache, dass Japan jetzt nach 30 Jahren wieder groß angelegten Walfang betreiben will, wäre das Zweitschlimmste, was Greenpeace-Angestellten passieren könnte, eine Welt ohne Umweltprobleme.“

    Ich arbeite selbst im sozialen Bereich und habe vor ein paar Jahren, zusammen mit einer Kollegin, einen Verein gegründet. Auf der einen Seite möchtest du dringend Missstände verändern, auf der anderen Seite brauchst du sie  aber auch, um Spendengelder zu sammeln und Fördermittel zu beantragen – dieses Dilemma kenne ich. Zwar glaube ich nicht, dass ich in den nächsten Jahren befürchten muss, arbeitslos zu werden, weil Ungerechtigkeit und Diskriminierung vom Erdboden verschwunden sind. Egal wie sehr wir uns als Verein engagieren, es wird immer genug zu tun geben. Aber ich kann mich schon an Situationen erinnern, in denen ich eine traurige Geschichte von jemandem gehört habe, dem wir helfen konnten und dann dachte: „Wow, das könnte eine gute Story für den nächsten Newsletter werden!“

    Braslavsky erinnert im Interview daran, dass jede NGO auch ein Geschäftsmodell haben muss, um zu überleben. Und das ist nun mal das Geschäft mit der Not anderer Menschen. Ich finde NGOs und noch viel mehr soziale Unternehmen grundsätzlich sehr wichtig, solange sie ethisch korrekt arbeiten und wirklich zu einer langfristigen Veränderung beitragen. Dabei sollten wir allerdings immer im Hinterkopf haben, dass wir uns eigentlich langfristig abschaffen müssten, wenn wir richtig gut sein wollen.