• Arbeit,  Familie,  neugierig auf

    Drei Fragen an… Prof. Lena Hipp

    Werden Mütter bei Bewerbungen benachteiligt? Hättet ihr mich vor ein paar Wochen gefragt, wäre ich mir nicht sicher gewesen. Gibt es dazu nicht Personalräte und Gleichstellungsbeauftragte, die genau das verhindern?

    Doch nur weil Unternehmen diskriminierungsfreie Stellenausschreibungen veröffentlichen und sich als familienfreundliches Unternehmen präsentieren, heißt das lange noch nicht, dass sie diese Werte auch schon verinnerlicht haben. So hat eine aktuelle Studie des Wissenschaftszentrums Berlin herausgefunden, dass Mütter deutlich seltener zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden, als kinderlose Frauen. Sie mussten ein Drittel mehr Bewerbungen schreiben, um eingeladen zu werden. Dazu wurden über 800 fiktive Bewerbungen auf Stellenangebote im Marketing- und Veranstaltungsbereich versandt (in diesem Berufsfeld arbeiten ungefähr gleich viele Frauen und Männer). Die Bewerber und Bewerberinnen unterschieden sich nur darin, dass die einen ein Kleinkind hatten und die anderen kinderlos waren. Immer mehr Karriere-Coaches empfehlen Müttern daher, ihre Kinder im Lebenslauf am besten gar nicht zu erwähnen. Wie schade. Wäre es nicht schön, es wäre einfach egal, ob jemand Kinder hat?

    Nach Gründen für die Benachteiligung und möglichen Lösungsansätzen habe ich Prof. Lena Hipp, die diese Studie durchgeführt hat, gefragt:   

    Ihre Studie hat herausgefunden, dass Mütter seltener zu
    Vorstellungsgesprächen eingeladen werden, als Frauen ohne Kinder. Väter hingegen wurden ebenso häufig eingeladen, wie Väter ohne Kinder. Warum?

    Über die Gründe können wir anhand der Ergebnisse meiner Studie nur spekulieren. Eine Erklärung ist, dass Mütter im Vergleich zu kinderlosen Frauen in Bewerbungsverfahren Nachteile erfahren, weil Kinder in Deutschland nach wie vor hauptsächlich “Frauensache” sind. Sie sind diejenigen, die zu Hause bleiben, wenn das Kind krank ist und sind weniger flexibel bei ihren Arbeitszeiten, weil sie an Kita- und Hortschließzeiten gebunden sind. Außerdem besteht ja auch das Risiko, dass sie nochmal schwanger werden und dann womöglich über längere Zeit ausfallen.

    Lässt sich dieses Phänomen auch in anderen Ländern beobachten? Wie
    steht Deutschland im Vergleich da?

    Ähnliche Studien wurden auch in anderen Ländern durchgeführt. Aber nicht überall und nicht in allen Berufen wurden solche “motherhood penalties” nachgewiesen. Eine Studie aus dem Jahr 2007 hat für die USA ebenfalls Diskriminierung von Müttern beim Einstellungsprozess nachgewiesen. Eine Studie aus Schweden aus dem Jahr 2018 aber nicht.


    Was muss passieren, damit Frauen mit Kindern im Bewerbungsprozess
    weniger diskriminiert werden?

    Zum einen würde es natürlich helfen, wenn sich Eltern Kinderbetreuungsaufgaben partnerschaftlicher teilen würden. Zum anderen könnte aber natürlich speziell bei Bewerbungsverfahren darauf hingewirkt werden, dass private Informationen – Elternschaft, Ehestatus, Religion etc. – gar nicht erst auftauchen und zwar bei keinem Bewerber und keiner Bewerberin. In den meisten Fällen sind diese Informationen irrelevant für den Job und aus diesem Grund in andern Ländern längst verboten. Gleiches gilt übrigens auch für Fotos.

     

    Foto: David Ausserhofer

  • Arbeit,  neugierig auf

    Wie sind die Arbeitsbedingungen für DaZ-Lehrkräfte?

    Nach meinem Germanistik-Studium habe ich eine Zeit lang freiberuflich Deutsch als Zweitsprache (DaZ) unterrichtet. Überall wurden dringend Menschen gesucht, die Deutsch für Zugewanderte unterrichteten. Man könnte meinen, diese Nachfrage hätte sich auf den Stundenlohn niedergeschlagen – bezahlt wurde aber sehr dürftig.

    Es gab 18€ pro 45 Minuten Unterricht. Da ich frisch vom Studium kam, war das jedoch erst einmal ok für mich. Bei meiner DaZ-Weiterbildung traf ich eine Frau, die sogar für 13€/Unterrichtsstunde bei einem anderen Träger unterrichtete. Als ich sie fragte, wie sie das machte, zuckte sie nur resigniert mit den Schultern und meinte, sie würde eben wenig schlafen.

    Der Ausschnitt meines Honorarvertrags zeigt deutlich, wie die Arbeitsbedingungen für freiberufliche DaZ-Lehrkräfte damals waren: Weiterbildung auf eigene Kosten, kein Anrecht auf Urlaub oder Honorar im Krankheitsfall und Geld gibt es nur, wenn das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) auch zahlt.

    Gut, dass das heute zumindest bei BAMF-Kursen anders ist. Hier wurde vor ein paar Jahren der Mindest-Stundenlohn auf 35€/Stunde festgelegt – was wirklich ein großer Fortschritt ist! Andere Deutschkurse, zum Beispiel an der Volkshochschule, werden jedoch oft deutlich schlechter bezahlt. Und auch bei einem Stundensatz von 35€ bleibt für freiberuflich Tätige nicht viel übrig, denn davon müssen zunächst Rente, Krankenversicherung, Urlaub, potentielle Krankheitstage, Anschaffungen und Weiterbildungen abgerechnet werden. Ach ja – und die komplette Vor- und Nachbereitung der Unterrichtsstunden, denn die wird auch nicht mitbezahlt.

    Wie genau die Arbeitsbedingungen für DaF/DaZ-Lehrkräfte aussehen und warum es angestellte Lehrkräfte nicht unbedingt besser haben als freiberufliche, hat mir Dr. Claudia Liehr-Molwitz im Interview bei WILA-Arbeitsmarkt erzählt. Hier könnt ihr das Interview lesen. Dabei erfahrt ihr auch, was die Arbeitsbedingungen mit der strukturellen Diskriminierung von Frauen zu tun haben. 

    Trotzdem hat mir das Unterrichten damals viel Spaß gemacht. Ich hatte eine sehr nette Kollegin und die türkischen Mütter, die ich unterrichtete, waren sehr freundlich und offen. Die Deutsch-Vermittlung war leider nur mittel erfolgreich – nicht nur, weil manche der Frauen kaum Schulerfahrung hatten. Sondern auch, weil ich von meinem Naturell her wenig Geduld für Langsam-Lernende aufbringen kann. Ich wurde fast verrückt, als ich in der vierten Woche in Folge versuchte, den Akkusativ zu erklären und alle Damen mich so anguckten, als hätten sie in ihrem Leben noch nie etwas davon gehört :-). Es war der erste und auch der letzte DaZ-Kurs, den ich unterrichtet habe. Umso wichtiger, dass diejenigen, die diesen Job richtig gut machen und lieben, vernünftig bezahlt werden!

  • Berlin,  Familie,  neugierig auf

    Quarantäne oder nicht? Das ist hier die Frage.

    Die Tagesmutter meiner Tochter erkrankte an Corona. Bis wir Eltern erfuhren, was zu tun war, waren wir tagelang verunsichert und schlecht informiert. Laut Berliner Senatsverwaltung werden zurzeit die Kontaktpersonen der Corona-Infizierten ermittelt, kontaktiert und isoliert. In unserem Fall konnten wir nichts davon feststellen.

     

    Freitag, 13.03.20
    Meine kleine Tochter geht in eine Kinder-Tagespflege bei zwei Tagesmüttern in Berlin-Friedrichshain. Mich erreicht abends der Anruf von Tagesmutter X, dass bei Tagesmutter Y der Verdacht auf Corona-Virus besteht und sie getestet wird. Trotz Verdachts wird nicht geplant, die Tagespflege zu schließen. Berlin beschließt am gleichen Tag ab Dienstag, den 17.03. Kitas und Schulen zu schließen. Kindertagespflegen sind erst einmal von der Regelung ausgenommen.

    Sonntag, 15.03.20
    Der Chat in unserer WhatsApp-Gruppe der Eltern der Tagespflege läuft nun schon seit Tagen heiß. Vor allem wird darüber spekuliert, ob die Tagespflege am Montag noch öffnen darf. Dann leitet eine Mutter die Nachricht von Tagesmutter X weiter: Kindertagespflegen werden nun auch geschlossen. Einige Eltern haben bereits sowieso beschlossen, ihre Kinder ab Montag zu Hause zu lassen.

    Montag, 16.03.20

    Dass das Gesundheitsamt aktiv wird, darauf warten wir vergeblich. Doch die Eigeninitiative der Eltern ist groß. Den ganzen Montag versuchen sie die Corona-Hotline Berlin zu erreichen oder das Friedrichshainer Gesundheitsamt. Die Aussagen sind widersprüchlich: Die Person bei der Berliner Corona-Hotline (030/90282828) rät einem Elternteil, dass sich Eltern und Kinder testen lassen müssen, weil sie direkten Kontakt zu einer Infizierten hatten. Ein anderes Elternteil erreicht nach 150 Anrufen endlich auch die Corona-Hotline. Ihm wird gesagt, dass alle zu Hause bleiben und warten sollen, bis sie vom Gesundheitsamt kontaktiert werden. Ein Kinderarzt rät, auf jeden Fall zu einer Teststelle im Krankenhaus zu fahren. Ein anderer Kinderarzt rät, auf jeden Fall zu Hause zu bleiben und die Corona-Hotline anzurufen.

    12:01 Uhr: Eine Familie fährt in die Teststelle des Evangelischen Krankenhauses in Berlin-Lichtenberg und wird wieder nach Hause geschickt, weil das Kind keine Symptome zeigt. Keiner versteht so richtig warum. Sie wurden weder in der Teststelle noch von der Corona-Hotline darüber aufgeklärt, dass ohne Vorliegen von Symptomen ein Testergebnis nur begrenzte Aussagekraft hat und daher nur Tests bei Personen mit Symptomen durchgeführt werden.

    13:29 Uhr: Eine Familie erreicht das Gesundheitsamt in Friedrichshain. Ihnen wird gesagt, dass sie nicht für den Fall verantwortlich sind, da die erkrankte Tagesmutter in Pankow wohnt. Wir sollen das Gesundheitsamt Pankow anrufen.

    15:13 Uhr Eine weitere Familie fährt mit ihren zwei Kindern zur Teststelle im Krankenhaus. Da sie in den letzten Wochen starke Grippe-Symptome hatten und noch nicht wieder ganz gesund sind, werden sie getestet. Allerdings nur zwei aus der Familie. Sie sollen selbst entscheiden, wer getestet wird. Die Mutter berichtet von dramatischen Szenen in der Teststelle. Menschen betteln lautstark darum, getestet werden zu dürfen und werden abgewiesen.

     

    Dienstag, 17.03.20
    11:24 Uhr: Eine andere Familie wird vom Gesundheitsamt Friedrichshain zurückgerufen: Sie sollen sich 14 Tage lang selbst isolieren und auf Symptome achten. Auch sie wurden nur angerufen, weil sie sich vorher gemeldet hatten.

    14:23 Uhr:
    Das Gesundheitsamt Friedrichshain kann einer anderen Familie am Telefon nicht sagen, ob sie sich in Quarantäne begeben soll oder nicht. Das Gesundheitsamt Pankow sei verantwortlich.

    18:56 Uhr: Wir erfahren, dass das Gesundheitsamt in Pankow Tagesmutter X heute anrief und mitteilte, dass alle Kinder und Eltern, die bis zum 12.03. mit Tagesmutter Y Kontakt hatten (ihr letzter Arbeitstag), sich bis zum 26.03. in Quarantäne begeben müssen. Das Gesundheitsamt Friedrichshain-Kreuzberg würde sich morgen bei uns allen melden und die Quarantäne anordnen.

     

    Mittwoch 18.03.20
    Heute und auch die nächsten Tage meldet sich keiner vom Gesundheitsamt Friedrichshain-Kreuzberg bei uns Eltern. Allerdings reagiert das Gesundheitsamt Pankow auf E-Mails und ruft eine Familie zurück. Sie müssen nicht in Quarantäne, da ihr Kind am 6. März das letzte Mal Kontakt zu Tagesmutter Y hatte. Nun sind alle restlos verwirrt. Wenn doch mit einer 14-tägigen Inkubationszeit gerechnet wird, wie kann das sein?

     

    Donnerstag 19.03.20
    Vier Tage nachdem der Corona-Virus-Test der Tagesmutter positiv ausfiel, werde ich endlich vom Gesundheitsamt Pankow aufgrund meiner E-Mail zurückgerufen. Auch mir wird gesagt, dass  wir nicht in Quarantäne müssen, da meine Tochter das letzte Mal am 3. März Kontakt zu der Tagesmutter hatte. Ich bin misstrauisch, die Dame am Telefon kann mir den Grund dafür nicht glaubhaft vermitteln. Also recherchiere ich und finde endlich heraus warum. In dem NDR-Podcast „Coronavirus-Update“ erklärt der Virologe Professor Christian Drosten in der Folge 16, dass nach aktuellen Erkenntnissen die Infektiosität bei symptomatischen Patienten erst ca. einen Tag vor Symptombeginn beginnt. (In Folge 20 fügt er hinzu, dass sie eher 2,5 Tage vorher startet) Das heißt, es kann zwar 14 Tage lang dauern, bis die Krankheit ausbricht, wenn sie aber ausgebrochen ist, war die Person nur kurze Zeit vorher ansteckend gewesen. Das konnte ich nirgendwo im Internet lesen, nicht beim Robert Koch Institut, nicht auf der Seite des Bundesministeriums für Gesundheit. Ich musste sämtliche Abschriften eines Podcasts durchforsten, um darauf aufmerksam zu werden. Warum ist diese Info kaum zu finden? Keiner von uns Eltern wusste über diesen Sachverhalt Bescheid und keiner der Menschen, mit denen ich darüber bisher geredet habe.

    (Zitat Christian Drosten, Podcast Coronavirus-Update, Folge 16)
    (Zitat Christian Drosten, Podcast Coronavirus-Update, Folge 20)

     

     

     

     

     

     

     

    Freitag, 20.03.20
    Gestern (6 Tage nach dem Corona-Verdacht und 3 Tage nach Bestätigung des Verdachts) wurde die nicht infizierte Tagesmutter endlich vom Gesundheitsamt Friedrichshain kontaktiert. Sie und alle Kinder, die bis zum 12. 3. in der Tagespflege waren, sollen für 14 Tage in Quarantäne. Angeblich wurden alle betroffenen Eltern darüber informiert. Zwei Familien melden zurück, dass sie nicht kontaktiert wurden. Sie lassen ihre Kinder trotzdem vorsorglich zu Hause. Zum Glück geht es allen soweit gut, die Kinder zeigen keine Symptome, Tagesmutter Y hatte allerdings mit Atemnot zu kämpfen.

    Dienstag, 24.03.20 Tagesmutter Y geht es wieder besser. Tagesmutter X zeigt bisher keine Symptome, alle freuen sich über die guten Nachrichten. Der Virus allerdings tobt weiter in Deutschland herum.

    Wir (die Eltern der Kinder in der Tagespflegestelle) wurden nur auf Eigeninitiative von ratlosen Gesundheitsämtern kontaktiert und nicht ausreichend informiert. Die Corona- Hotline erzählte uns etwas anderes als das Gesundheitsamt, die Gesundheitsämter kommunizierten nur schlecht untereinander. Wir fühlten uns allein gelassen. Bei allem Verständnis für die aktuelle Überlastung: So bekommen wir das Virus nicht unter Kontrolle.

  • Familie,  neugierig auf

    Warum fällt es uns schwer, uns Gutes zu tun?

    Mittlerweile ist es schon Mitte Februar. Das Jahr – ach  da ganze Jahrzehnt – ist trotzdem noch immer relativ frisch und unverbraucht. Meistens überlege ich mir zu Beginn des Jahres, was ich davon erwarte. Ganz oft haben diese Überlegungen etwas mit Zeit für die wirklich wichtigen Dinge zu tun.

    Zeit, um zwischendurch regelmäßig Yoga zu machen, mal durchzuatmen, was Leckeres zu kochen oder spazieren zu gehen. Trotzdem merke ich immer wieder, wie all diese guten Vorsätze gaanz laangsam dahinschmelzen. Ich stehe nicht morgens auf und sage: „Ab heute werde ich mich wieder weniger bewegen“ oder: „Jetzt ist mal Schluss mit der gesunden Ernährung, ich brauche mehr Fertig-Gerichte!“ Es ist mehr so wie bei einem dieser Pailletten-Shirts, die gerade bei den Kindern beliebt sind: Ab und zu gehen mal ein oder zwei Pailletten im Gerangel verloren. Nicht schlimm weiter. Aber nach einiger Zeit, sieht das Shirt ramponiert aus.

    Doch warum fällt es uns oft schwer, uns selbst etwas Gutes zu tun? Das habe ich Romy Möller gefragt, die Coach und Pädagogin ist. Sie antwortete auf meine Frage netterweise mit einem ausführlichen Blogbeitrag und schreibt unter anderem: „In all der Hektik des Alltags finden wir meist gar nicht die Zeit, kurz innezuhalten und zu schauen, was wir eigentlich gerade brauchen. Wir erkennen unsere Bedürfnisse gar nicht – aber ist nicht das der erste Schritt, um uns überhaupt was Gutes tun zu können?“

    Gestern Abend, zum Beispiel, waren meine beiden Kids schon ziemlich müde. Ich übrigens auch. Wir hörten Kinderlieder. Die Große wollte zum 150. Mal in Folge das „Bibi und Tina“- Lied hören. Die Kleine, die seit kurzem immer mehr spricht, rief lautstark: „Nein Bibi und Tina, nein!“ und verlangte etwas unverständlich nach „Susesche“. Nach einigen Anläufen konnte ich das als „Eins, zwei, drei im Sauseschritt“ decodieren. Keine konnte sich darauf einlassen, ihr Lied erst als zweites zu hören und so standen sie beide vor mir, die Kleine lautstark brüllend, die Große weinend und schluchzend. In diesem Moment hätte ich wahrscheinlich tief durchatmen und kurz überlegen sollen: Was brauche ich, was brauchen die Kinder? Stattdessen machte ich einfach die Musik aus und sagte: „Wenn ihr euch nicht einigen könnt, dann hören wir erstmal keine Musik.“ Das war der Anlass für beide, noch lauter zu schreien. Irgendwie kam ich aus dieser Situation dann wieder raus und fand mich wild tanzend mit der Kleinen auf dem Arm wieder, das „Bibi und Tina Lied“ auf Endlos-Schleife gestellt. Noch mal Glück gehabt. Wahrscheinlich hatte ich an diesem Tag nicht genug auf mich und meine Bedürfnisse geachtet. Denn mittlerweile weiß ich, dass meine Verfassung 1:1 von den Kindern widergespiegelt wird. Es waren nicht nur die Kinder müde und schlecht gelaunt, sondern mit ziemlicher Sicherheit auch ich. Das hatte ich gar nicht gemerkt.

    In ihrem Beitrag verwendet Romy das schöne Bild der Selbstfürsorge als „Isolierband“: Wir brauchen es, damit das Wasserrohr nicht anfängt zu tropfen. Immer wieder sollen wir uns Gutes tun. Der Gedanke daran erscheint mir oft so spannend wie graues Isolierband. Jetzt den Computer zuklappen, um mir was zu essen zu kochen? Das Smartphone ausmachen und ein Buch in die Hand nehmen? Mich abends nochmal aufraffen und Rückenübungen machen? Doch Isolierband gibt es auch in bunten Farben. Ich kann meine kleinen Routinen, die mir im Alltag gut tun, gestalten und sie sogar richtig zelebrieren. Zum Beispiel, indem ich ein Buch in die Hand nehme, mich in eine kuschelige Decke wickele und dabei eine Tasse Tee genieße. Oder während der Rückenübungen einen spannenden Podcast höre.

    Eins ist jedoch klar: Ich muss mir die Zeit dafür nehmen. Nur so können Freiräume für das Gute überhaupt entstehen. Wenn ich nun aber (wie viele Eltern die ich kenne) meine Kinder nach einem vollen Kita-Tag noch zum Ballett, zur Musikschule und zum Kinderturnen fahre, dann schrumpfen diese Freiräume. Selbst wenn es für meine Kinder der reinste Spaß wäre, ist es das auch für mich?
    „Unsere eigenen Erwartungen an uns selbst und von anderen können ganz schöne Saboteure sein, wenn es um die Selbstfürsorge geht. Sie hindern uns daran, für uns eine Grenze zu ziehen und damit die eigene Balance zu finden“, schreibt Romy in ihrem Beitrag. Ich für meinen Teil habe beschlossen, die nachmittäglichen Aktivitäten mit meinen Kindern auf ein Minimum zu reduzieren. So werden sie aktuell nicht noch extra musikalisch gefördert. Das finde ich wirklich schade. Obwohl – ganz stimmt das nicht: Das „Bibi und Tina“- Lied können wir jetzt fast auswendig mitsingen. Die musikalische Früherziehung ist somit schon mal gesichert.