• Empfehlung

    Lustig und tief – zwei Watchtipps

    Komisches und Tragisches liegen doch oft nah beieinander, oder? Hier zwei interessante Sendungen, über die ich in letzter Zeit gestolpert bin:

    Talksendung mit Tiefgang

    Was? Torsten Sträter besucht Kurt Krömer in seiner Sendung beim rbb.

    Deswegen lohnt es sich: Erst schleppt sich das Gespräch ein bisschen. Krömer macht ein paar müde Witze, Sträter guckt irgendwann etwas desorientiert und sagt: „Es ist spät, ich bin nicht richtig auf Ironie gemünzt heute“. Doch dann schafft Krömer die Überleitung zu seinem eigentlichen Thema: Depressionen. Er erzählt zum ersten Mal öffentlich, dass er letztes Jahr unter schweren Depressionen gelitten hat und im Herbst deswegen acht Wochen in einer Tagesklinik war. Ab diesem Punkt ist Torsten Sträter hellwach. Es entwickelt sich ein tiefes, einfühlsames Gespräch unter zwei Künstlern, die beide unter Depressionen leiden. Das Video hat schon über eine Million Klicks und die Kommentarspalte ist voll mit bewegenden Kommentaren von Menschen, die sich bedanken, weil dieses Thema endlich mal angesprochen wird. Hier könnt ihr die ganze Sendung nachschauen, spannend wird es ungefähr ab Minute neun:


    Comedy mit Message

    Was? Die Comedy-Serie “Almania” mit Phil Laude in der ARD-Mediathek

    Deswegen lohnt es sich: Comedian und Youtube-Star Phil Laude wird als Frank Stimpel, einen regelbesessenen Lehrer einer Kleinstadt an eine Gemeinschaftsschule mit 90 Prozent Migrationsanteil geschickt. In die muss er sich nun integrieren :-). Ich habe viel gelacht, viel wieder erkannt und würde mich über eine Fortsetzung freuen. Es wurden erst nur zwei Folgen ausgestrahlt, um zu schauen, wie die Serie ankommt. Also schaut sie euch an!

    Hier ist der Link zur Mediathek. Wer an der Entstehungsgeschichte interessiert ist, sollte sich auf jeden Fall die Folge des Podcasts „Deep und Dumm“ anschauen, in dem Phil Laude unter anderem erzählt, warum sie fast aus einem Hotel rausgeflogen wären.

  • Arbeit,  Journalismus/Medien

    Vom Märchen der Chancengleichheit

    Das passiert, wenn du eine große Behörde zum Thema Diversity im Bewerbungsprozess befragst und die Antworten der Befragten vorher nochmal eine Runde durch die Pressestelle drehen.

    Ich schrieb letztens an einem Artikel zu der Frage, inwieweit die soziale Herkunft im Job eine Rolle spielt. Denn das tut sie leider! 59% der befragten Führungskräfte und Personalverantwortlichen gaben bei der Studie Diversity Trends von 2020 an, Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft im Arbeitsleben beobachtet oder erfahren zu haben.

    Eine andere Studie fand heraus, dass Bewerber*innen mit elitären Hobbys wie Segeln oder Polo viel öfter zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurden, als Bewerber*innen mit Hobbys wie Fußballspielen oder Countrymusik. Der richtige „Stallgeruch“ spielt trotz objektiver Kriterien im Bewerbungsprozess immer noch eine Rolle.


    Was sagen Behörden zum Thema Diversity?
    Nun wollte ich wissen, wie das Thema bei einer großen deutschen Behörde angegangen wird. Denn die haben doch bestimmt Erfahrung und können uns daran teilhaben lassen? Welche Fehler haben sie in der Vergangenheit gemacht, aus denen wir lernen können und wie stellen sie eine möglichst objektive Auswahl der Bewerber*innen sicher? Die Antworten, die ich erhielt, waren so formell und gleichzeitig nichtssagend, dass es mich ganz schön wütend gemacht hat. Ich fasse sie hier für euch (stark verkürzt) zusammen:

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    Wie stellen Sie sicher, dass in Ihrem Arbeitsbereich die soziale Herkunft beim Bewerbungsprozess keine Rolle spielt?
    Behörde: Jede Bewerbung bei uns wird nach objektiven Kriterien beurteilt. Die soziale Herkunft spielt somit im Bewerbungsprozess bei uns keine Rolle. Außerdem fragen wir die soziale Herkunft gar nicht ab. Sie ist also von keinerlei Bedeutung im Auswahlverfahren.

    Ist dieser Anspruch leicht in die Praxis umzusetzen?
    Behörde: Bei der Auswahl dürfen grundsätzlich weder Geschlecht, Abstammung, ethnische Herkunft, Behinderung, Religion, politische Anschauungen, Herkunft noch Beziehungen oder sexuelle Identität als Kriterien für die Entscheidung herangezogen werden

    Können Sie (erste) Erfolge sehen?
    Behörde: Diese Frage impliziert, dass wir notwendige Veränderungen hätten umsetzen müssen. Das war aber nicht nötig.

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    Wenn du jetzt das Gefühl hast, du hast mehr Fragen als vorher, bist du bestimmt nicht allein!
    Für echte Antworten zur praktischen Umsetzung und wertvolle Infos zum Thema soziale Herkunft als Vielfaltsdimension,  empfehle ich euch die Seite des Charta der Vielfalt e.V., die sich das Thema auf die Fahne geschrieben haben.

  • Empfehlung

    Songs gegen den Corona-Blues

    Die letzten Wochen im Teil-Lockdown fühlten sich für mich irgendwie unwirklich an. Mein Radius ist gerade stark beschränkt, ich habe weniger Kontakte und somit auch viel weniger Input und Inspiration als sonst. Es ist ein bisschen wie in einem seeehr langen Tunnel. Das Leben läuft zwar weiter, aber es gibt keine richtige Perspektive. Nur graue Wände rechts und links neben einem. Ab und zu gibt es dann ein paar Lichtblicke, wie letzte Woche, als es so warm war und wir in der Sonne draußen picknicken konnten. Oder der Moment, in dem ich erfuhr, dass die Friseure wieder öffnen 🙂
    Es dauert wohl noch ein bisschen, bis sich die Sonne wieder richtig heraustraut. Bis dahin habe ich zwei Songs für euch, um die Laune wieder ein bisschen anzukurbeln. Viel Spaß beim Hören!

    Für alle, die sich auch nach einem Licht ganz am Ende des Tunnels sehnen

    Was? Der passende Song dazu aus dem Musical Starlight Express aus meiner Heimatstadt Bochum. Ich erinnere mich noch genau, wie ich mit 18 Jahren in der Vorstellung saß und Gänsehaut bei diesem Lied bekam.
    Lieblingszitat: „Ist man im Tunnel drin, dann sieht man es nicht, jedoch am Ende des Tunnels scheint ein Licht!“ *

    * Die sprachliche Grazie und Stilsicherheit bei der deutschen Übersetzung, wie zum Beispiel: „Es entdeckte James Watt, den Dampf im Pott. Der Schotte war ganz platt, dass Dampf Kraft hat, denn in der Tat bringt Dampf in Fahrt, mit Dampf kann man sehr viel bewegen…“, gehört zum Gesamterlebnis mit dazu 😉

    Für Optimist*innen und alle, die es werden wollen

    Was? Das Lied „Wann strahlst du?” von Jacques Palminger und Erobique.
    Lieblingszitat: „Ich schulde dem Leben das Leuchten in meinen Augen“

     

  • Familie

    Königin, Bundeskanzlerin, egal: Hauptsache Chefin!

    „Wenn ich groß bin, möchte ich Königin werden“, verkündet meine große Tochter letztens. Wir erklären ihr, dass sie das nur werden kann, wenn sie in eine königliche Familie reingeboren wird. Damit könnten wir leider nicht dienen – unser Stammbaum liest sich eher langweilig. Die Enttäuschung ist groß. Ich erzähle, dass wir in einer Demokratie leben, in der die Menschen sich den König oder die Königin selbst aussuchen können. Bei uns in Deutschland hieße diese Position Bundeskanzlerin. Meine Tochter ruft begeistert: „Dann werde ich Bundeskanzlerin!“ Wir erklären ihr, dass damit leider nicht viel Pomp verbunden ist. Kein großes Schloss, keine Krone, kein Glitzer. Sie denkt nach und fragt: „Kann ich dann Chefin sein und den anderen sagen, was sie tun sollen?“ „Ja, das kannst du“, antworte ich. „Dann will ich Bundeskanzlerin werden“, sagt sie entschlossen. Mein Mann fügt noch hinzu, dass unser Land bald eine neue Bundeskanzlerin oder einen neuen Bundeskanzler braucht, weil Angela Merkel nach 16 Jahren aufhören wird. Kurzes Grübeln, dann kommt die naheliegende Frage: „Kann ich die neue Bundeskanzlerin werden?“

  • Empfehlung,  Familie

    Die müde Raupe Mama hat Corona satt – wer steckt dahinter?

    Gerade wird eine ziemlich coole Geschichte über eine müde Raupe Mama, die Corona satt hat, in den sozialen Netzwerken geteilt. Leider wird die Autorin nicht genannt. Nicht fair, so von Eltern zu Eltern.

    Das Buch ist wirklich lustig und treffend und die Zeichnungen sehr süß. Ich musste sehr viel lachen, als ich die Geschichte las und habe mich in einigen Aspekten auf jeden Fall wiedergefunden. Allerdings gibt es auch Dinge, die man kritisch lesen könnte: Zum Beispiel könnte man fragen, wo denn der Vater ist in dem Buch. Oder warum die deutsche Übersetzung das Narrativ der leidenden, selbstaufopfernden Mutter aufgreift, während im Original einfach nur steht, das Selbstfürsorge genauso wichtig ist, wie für andere zu sorgen.

    Meine Hauptkritik ist aber eigentlich, dass in der geteilten deutschen Geschichte jemand “vergessen” hat, die Autorin zu erwähnen. Die Geschichte wird ohne Namen und Verweis auf die Urheberin geteilt. Geklaut. Das findet die Künstlerin und Illustratorin Martyna Wiśniewska-Michalak aus London, die diese Geschichte letztes Jahr entwickelt hat, sehr schade. Ich habe sie vorgestern angeschrieben und gefragt, ob sie mir erzählen kann, wie es zu der Geschichte gekommen ist. Hier ist ihre Antwort (von mir ins Deutsche übersetzt):

    Wie kamst du auf die Idee, diese Zeichnungen zu machen?
    “Die unglaublich müde Lockdown Mama” ist eine Parodie auf ein berühmtes Kinderbuch, „Die kleine Raupe Nimmersatt“ von Eric Carle. Das Buch ist eins der Lieblingsbücher meiner Tochter und wir haben es unzählige Male gelesen. Eines Tages, als ich mir nach einem langen Quarantäne-Tag die Zähne putzte, dachte ich, dass ich mich gut mit der Raupe auf dem Cover identifizieren kann. Ich war zu dem Zeitpunkt ständig eine sehr hungrige Mutter. Das war die erste Idee zu dem Buch. Es fertigzustellen, hat etwas mehr als einen Monat gedauert. In Anbetracht der Tatsache, dass das im Lockdown war und die ganze Zeit eine Vierjährige auf mir herum tobte, ist das eigentlich ein Wunder.

    Was passierte danach?
    Ich postete das Buch auf meiner Facebook-Seite und teilte es mit meinen Freunden von der Schule meiner Tochter. Nach ungefähr einem Monat ging es überall im Internet viral und ich wurde von der tollen Agentin Marysia kontaktiert, die für mich einen Verlag fand.

    Was sagst du dazu, dass die deutsche Version gerade ohne deinen Namen in sozialen Medien rumgereicht wird?
    Ich bin sehr traurig darüber, es ist sehr unhöflich die Autorin einfach rauszuschneiden!

    Leider konnte das Buch noch nicht veröffentlicht werden, da es sich um einen Crowdfunding-Verlag handelt – das Buch wird erst publiziert, wenn das Crowdfunding-Ziel erreicht wurde. Aktuell gibt es schon 322 Unterstützer, es fehlen aber noch 37%, damit das Buch endlich gedruckt wird. Wenn ihr die Geschichte gerne als Buch (auf englisch) lesen wollt oder verschenken möchtet, könnt ihr ihre Crowdfunding-Kampagne gerne unterstützen: https://unbound.com/books/the-very-f-cking-tired-mummy/

    • Martyna freut sich auch darüber, wenn ihr ihr eine Nachricht schreibt oder einen virtuellen Kaffee ausgebt: https://ko-fi.com/martiwm
    • Das englische Original könnt ihr euch übrigens auf ihrer Webseite anschauen: https://martiwm.presents.pl/
    • Und wer eine eine ausführliche Reflexion über die deutschsprachige Übersetzung und ihre Problematiken lesen möchte, kann sich bei Alex von F. auf seinem Blog umschauen.