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Bücher die mich 2019 inspiriert haben – Teil 1

Ich lese keine Krimis. Dieses ständige Gefühl der Spannung löst bei mir kein behagliches Kribbeln im Bauch aus, sondern strengt mich eher an und trägt nicht zur Erholung am Abend bei. Das Buch “Tausend Zeilen Lüge” vom Journalisten Juan Moreno habe ich dennoch verschlungen, wie einen spannenden Thriller.

Als im Dezember 2018 der Spiegel-Skandal um den Reporter Claas Relotius öffentlich wurde, war das auch für mich wie ein Schlag ins Gesicht. Wie konnte es dazu kommen, dass jemand jahrelang Geschichten erfindet, vom Hotel aus seine Reportagen schreibt, anstatt die Protagonisten einfach zu interviewen? Wie kann jemand nicht nur eine große Leserschaft, sondern auch ganze Redaktionen blenden?

Juan Moreno, der den Skandal gegen viele Widerstände aufdeckte, gibt in seinem Buch auf diese Fragen Antworten und berichtet detailliert, wie es dazu kommen konnte. Natürlich aus seiner Perspektive, aber sehr bemüht, möglichst alle Seiten zu erklären und so fair wie möglich zu sein. Er schildert zum Beispiel, wie Claas Relotius von Anfang an seiner Karriere log – nicht erst später, als er schon einen Namen hatte und vielleicht unter Druck war, weiter gute Geschichten bringen zu müssen.

Moreno ist sich sicher, dass die Spiegel-Redaktion sich hat betrügen lassen: „Passivsatz, nicht aktiv. Aber man ist auch verantwortlich für das, was man sich mit machen lässt.“ (S. 249)  Er schreibt auch, dass er deutlich länger mit einer Beschwerde gezögert hätte, wenn er gewusst hätte, wie beliebt Relotius im Gesellschaftsressort des Spiegels war. „Natürlich wäre es hübscher zu sagen, dass mir die Gefahr bewusst war, ich sie aber mutig in Kauf nahm. (…) Die Wahrheit ist aber, dass ich meinen Vorgesetzten wohl nicht angerufen hätte, wenn mir Relotius‘ Redaktionsstatus bekannt gewesen wäre.“ (S. 165)

Moreno wurde im Dezember 2019 vom Medium Magazin zum Journalisten des Jahres gewählt. Im dortigen Interview betont er, dass die größte Gefahr nicht von Fälschern wie Relotius ausgeht, sondern von Sparmaßnahmen im Journalismus. Das macht er auch am Ende seines Buches nochmal deutlich: „Das wahre, das strukturelle Problem für einen unabhängigen, soliden Journalismus (…), ist die Bezahlung. Viele Journalisten können von ihrer Arbeit nicht leben.“ (S. 278)

Fazit: Klare Lese-Empfehlung! Wer das Buch noch nicht gelesen hat, sollte es auf jeden Fall bald zur Hand nehmen.

Anmerkung: Mir wurde für diesen Beitrag freundlicherweise das E-Book vom Rowohlt Verlag kostenfrei zur Verfügung gesteht.

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