Familie

Das Abenteuer beginnt

Vor ein paar Tagen an der großen Schaukel beim Kindergarten: Meine Tochter erzählt stolz, dass sie bald zur Schule geht. Ein Vater antwortet ihr mit diesem – anscheinend unvermeidlichem – Spruch: „Jetzt beginnt der Ernst des Lebens“.

Recht hat er, der Ernst des Lebens fängt nun  an. Also für mich – denn ich muss die nächsten 12 Jahre um sechs Uhr morgens aufstehen. Aber davon abgesehen habe ich mich im Nachhinein geärgert. Einem hochmotivierten Kind erzählen, dass der Spaß jetzt aufhört? Vielen Dank auch. Das passiert also, wenn das „ganze Dorf“ miterzieht. Der Spruch ist blöde und ich bin mir fast sicher, der Vater hat ihn nur halbernst gemeint. Aber meine Tochter hatte aufmerksam zugehört. Am Nachmittag wiederholte sie ihn noch einmal mir gegenüber, vielleicht auch, um herauszufinden, was ich davon halte.

Was halte ich also davon? Wie bei so manchen Sprüchen steckt ein bisschen Wahrheit drin. Natürlich ändert sich jetzt einiges: Meine Tochter kann nicht mehr so viel spielen wie vorher und kann sich auch nicht aussuchen, ob sie in die Schule geht oder nicht. Aber dafür lernt sie lesen und schreiben!! Bald kann sie endlich Bücher selbst lesen und das sogar stundenlang. Sie kann Briefe an ihre erste große Liebe schreiben, Kochrezepte lesen und selbst kochen, was sie mag. Sie lernt (wie übrigens auch schon in der Kita) viel über die Natur, über Technik, macht Experimente und spielt Theater. Sie kann ausprobieren, was sie mag und was nicht. Worin sie gut ist und worin nicht. Sie entdeckt neue Welten, jeden einzelnen Tag. Ist das nicht abenteuerlich? Ja, ein großes Abenteuer beginnt. Es wird wahrscheinlich eher selten wie eine Kreuzfahrt sein und öfter mal auch wie eine Floßfahrt auf einem Wildwasserfluss. Aber wer hat schon Lust auf 12 Jahre Kreuzfahrtschiff?

Ich bin die Letzte, die nichts an Schule auszusetzen hat. Ganz oft ist sie leider kein aufregender Lernort oder nur in Teilen. Ihr Grundgedanke jedoch ist ziemlich genial. Denn das Leben entdecken, neugierig sein, Wissen sammeln, mit Gleichaltrigen in Verbindung sein, forschen, hartnäckig bleiben, Grenzen erkunden und kreativ werden – das ist doch alles das Gegenteil von Langeweile und Ernst.

Wie wäre es also, wenn wir unseren Kindern so richtig Lust auf Schule, aber vor allem auf das Lernen machen? Das kann ganz unabhängig von Noten sein. Wenn wir ihnen zeigen, dass Lernen die coolste Sache der Welt ist und sie zusätzlich auch viele Dinge lernen können, die sich nicht in Noten widerspiegeln? Ich möchte meiner Tochter vermitteln, dass Noten zwar aufschlussreich sind, weil sie zeigen, wie gut sie in einem Test abgeschnitten hat. Aber dass sie sehr wenig darüber sagen, wer sie ist und was sie kann. Denn über manche wirklich wichtigen Dinge, wie zum Beispiel emotionale Kompetenz, Partnersuche, Umgang mit Finanzen oder Kindererziehung, lernt sie sowieso nichts in der Schule. In der Regel jedenfalls.

Am Ende bleibt die Schule also ein Ort, an dem meine Tochter einiges lernen kann und auf hoffentlich nette Menschen trifft. Alles Gute und Schöne an dem System Schule sollte sie auf jeden Fall mitnehmen. Und den Rest einfach in der Schule lassen.

 

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