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Less is more (more or less)

Ich bin eigentlich ein ganz ordentlicher Mensch. Ordnung ist zwar immer sehr subjektiv, aber so viel kann ich sagen: In fast allen meinen WGs war ich die, die sich am meisten über die Unordnung aufgeregt hat. Das ging so weit, dass ich Töpfe mit verschimmelten Nudelresten den Mitbewohnerinnen auf ihren Schreibtisch stellte, einfach weil ich es satt hatte, das Zeug in der Küche rumgammeln zu sehen.

Ich war auch diejenige, die konsequent auf Putzpläne beharrte, eine Spülmaschine anschaffte (meine Mitbewohnerinnen schworen Stein und Bein, dass sie keine brauchen würden) und es in einer Vierer-WG nicht übertrieben fand, einmal in der Woche das Bad zu putzen. Ihr könnt euch vorstellen, dass besonders die Aktion mit den verschimmelten Töpfen nicht gerade auf Begeisterung stieß…

Meine zehnjährige WG-Zeit hat mich aber auch im Aushalten von Unordnung trainiert und darüber bin ich momentan sehr dankbar. Ich wohne sozusagen wieder in einer Vierer-WG, diesmal aber mit Ehemann, Kind 1 und Kind 2. Das Chaos und der Dreck sind immens. Wir verbringen gerade viel Zeit zuhause, da das Baby erst 9 Monate alt ist. Es lernt gerade essen und das sieht man der Küche auch an. Die Hälfte seines Essens landet locker auf dem Boden. Einfach nur täglich saugen hilft da nicht viel weiter, alle zwei Stunden wäre da schon angemessener. Jetzt muss ich nur noch auf Essen, Duschen und Arbeiten verzichten und schon ist meine Wohnung regelmäßig sauber…
Noch belastender finde ich allerdings das Chaos. Die Dreijährige fängt an, sich alleine zu beschäftigen – was toll ist. Allerdings räumt sie innerhalb eines Nachmittages sämtliches Spielzeug, das sie besitzt, einmal aus und verteilt es auf kleinen Kreativ-Inseln in der ganzen Wohnung. Sie bastelt gerne und übt gerade schneiden. Das Wohnzimmer ist ihr Bastelstudio und hier werden unter Hochdruck zehnminütlich neue Kunstwerke und Basteleien produziert. Das muss ja alles irgendwo lagern, von den Schnipseln mal ganz abgesehen! Ich räume gefühlt den ganzen Tag auf und frage mich oft, ob ich es nicht einfach liegen lassen sollte. Der Unterschied wäre leider wahrscheinlich kaum zu sehen.

Aufräumen mit Marie Kondo

Aber genug gejammert, wahrscheinlich ist das einfach so mit Kleinkind. Chaos ist im Einkaufspreis mit inbegriffen. Trotzdem glaube ich, dass unser Chaos kleiner wäre, wenn wir weniger Dinge besäßen. Letzte Woche bin ich auf eine Netflix-Produktion gestoßen, die mich inspiriert hat, das Thema Aufräumen noch einmal anzugehen. In „Aufräumen mit Marie Kondo“ zeigt die Aufräum-Expertin aus Japan wie Familien Ordnung in ihre Wohnung bringen können. Sie bringt ihnen Aufräum-Techniken bei, aber vor allem wird auch viel entrümpelt. In der ersten Folge muss die Mutter zweier Kleinkinder all ihre Klamotten auf das Bett legen. Bei der Aufforderung werden ihre Augen werden ganz groß: „Alle meine Klamotten? Von außen wirkst du ganz lieb, aber innendrin bist du knallhart, Marie!“. Und dann stapelt sie all ihre Blusen, Hosen und T-Shirts auf das Bett und merkt schon beim Stapeln, dass das vielleicht doch ein bisschen zu viel ist. So arbeitet Marie Kondo. Es geht ihr nicht nur um optische Ordnung, sondern sie möchte einen inneren Prozess in Gang setzen. Sie lehrt die Familie, dankbar zu sein, für das was sie hat und respektvoll damit umzugehen. Das macht sie, indem sie jedes Kleidungsstück in einer bestimmten Weise liebevoll falten und sich bei ihm bedanken sollen. Klingt erstmal etwas merkwürdig, hat aber etwas, finde ich. Nach einem Monat ist das Haus viel aufgeräumter und wohnlicher. Das sonst so gestresste Ehepaar ist entspannter, auch im Umgang miteinander. Beim Aufräumen stießen sie auf ihr altes Hochzeitsvideo, das sie sich nach Jahren wieder mal anschauten.

Deswegen finde ich den Ansatz von Marie Kondo so interessant: Nicht wegen der Falttechniken für die T-Shirts, sondern weil sie äußere Prozesse mit inneren Prozessen geschickt kombiniert. Und weil sie mich zum Nachdenken anregt: Es geht nicht mehr nur um ordentliche Wohnzimmer, sondern auch um achtsamen Konsum, Dankbarkeit und einen aufgeräumten Geist. 
Die einzige Frage, die bei mir offen blieb, ist, was mit den Dingen passiert, die die Familien in großen Müllsäcken entsorgen. Ich würde mir wünschen, dass sie nicht auf dem Müll verschwinden, sondern an Leute weitergegeben werden, die sie gut gebrauchen können.

Motiviert von der Serie, habe ich jetzt auch damit angefangen, ein wenig zu entrümpeln. Das macht Spaß! Und das Krasse ist: Alles, ja wirklich alles, lässt sich über eBay Kleinanzeigen verschenken. Gebrauchte Teedosen? Kaputter Kinderwagen? Zu groß gewordene Zimmerpflanze? Bisher konnte ich alles an Leute weitergeben, die sich darüber gefreut haben. In dem Sinne: Less is more!

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